1. Karrierecoaching
In diesem Kapitel lernen Sie effiziente Methoden für das Karriere- und Outplacement-Coaching kennen.
Sichworte: Stärken und Ressourcen finden, neue Wege gehen
1.1 Einleitende Gedanken
DerBeruf ist in der heutigen Zeit ein zentraler Lebensbereich, der bei den meisten Menschenstark mit dem eigenen Selbstwert verbunden ist. Wir verbringen wahrscheinlich mehr Zeit mit der Arbeit, mit Kollegen und Kunden als mit unserer Familie. Eine berufliche Tätigkeit sollte deshalb, wenn möglich, gut zu einer Person und ihren Talenten passen.
Vieles weist darauf hin, dass die Bedeutung von Coaching im Bereich der „Karriereberatung“ weiter zunehmen wird – allein schon, weil die Berufswahl sich in den letzten Jahrzehnten sehr stark verändert hat. Waren es früher Eltern oder Lehrer, die uns den Berufsweg vorzeichneten, so haben wir heute unendlich viele Möglichkeiten, selbst unsere Wahl zu treffen. Auch die Berufe haben sich verändert, genauso wie die Ausbildungen und der Zugang zu Ausbildungswegen. Wir haben jetzt die Qual der Wahl.
Aber auch der Arbeitsmarkt hat sich stark gewandelt. Soziologen schätzen, junge Arbeitnehmer von heute werden bis zu ihrer Rente elfmal den Arbeitgeber wechseln.
Folgende drei Situationen sind im Karrierecoaching am häufigsten anzutreffen:
- Jemand beendet eine Ausbildung / ein Studium und ist auf der Suche nach dem „richtigen“ Beruf bzw. der richtigen Position oder Branche.
- Jemand mit konkreten Berufsvorstellungen möchte bzw. wird innerhalb des eigenen Unternehmens oder innerhalb der eigenen Branche den nächsten Karriereschritt gehen.
- Der Coachee ist ohne Arbeit, hat also einen Jobverlust hinter sich und steht jetzt (unerwartet) vor der Frage, wie es weitergehen soll. Hier kann es sich auch um Outplacement-Coaching im Auftrag des vorherigen Arbeitgebers handeln.
Allen drei Bereichen gemeinsam ist das Thema der eigenenStärken-/Schwächen-analyse. „Was kann ich eigentlich besonders gut?“, „Was geht mir leicht von der Hand und ist somit eine meiner Stärken, die ich auch im (nächsten) Job einsetzen möchte?“ Bei den Schul- und Universitätsabgängern ist dieser Bereich oft besonders schwierig, da noch wenig Praxiserprobung vorhanden ist. Außerdem hat es in diesen Fällen häufig den Anschein, als gäbe es keine konkreten Beispiele oder Situationen, um Stärken herauszufinden.
Der zweite zentrale Punkt in allen drei Situationen ist das Thema dereigenen Wünsche: „Was will ich eigentlich?“ „Welcher Beruf / welche Position macht mich glücklich?“ Für diese Fragen fehlt im Alltag oft die Zeit. Deshalb ist das Coaching ein guter Ort, um sich dieser Themen bewusst zu werden.
So einfach beides hier klingt, die Praxis zeigt, dass die Arbeit an den eigenen Wünschen und Stärken eine sehr schwierige ist. Oftmals steht die Ratio im Weg, denn hier geht es um ein mehr intuitives Wissen. Das erfordert im Coaching aber andere Zugänge als bloßes Fragenstellen. Wir müssen unsere Coachees auf anderen Wegen zu ihren eigenen Ressourcen führen, denn rein kognitive Überlegungen haben die meisten bereits angestellt. – Mit dem Ergebnis: „Ich kann einiges, aber nichts wirklich gut.“ Oder: „Ich glaube, ich habe gar kein besonderes Talent“ o. Ä.
Beispiel: Was würde Johnny Depp über Sie sagen?
Ich erinnere mich an ein Karrierecoaching mit einem jungen Mann von 18 Jahren. Er hatte die Schule kurz vor der Matura abgebrochen und kam ratlos ins Coaching. Seine Eltern hatten ihn geschickt. Die Aufgabe war, einen passenden Beruf oder Ausbildungsweg für ihn zu finden. Die Suche nach seinen Stärken und Wünschen lief sehr zäh, er vermittelte verbal wie nonverbal Ratlosigkeit, „Null Bock“, Verzweiflung. Fast wäre ich ins selbe Fahrwasser gekippt und hätte die Situation ebenfalls für aussichtslos gehalten. Da fragte ich ihn spontan, ob er ein Idol habe, jemanden, den er bewundere. Und wie aus der Pistole geschossen nannte er Johnny Depp. Er erzählte mir kurz, was ihn an diesem Schauspieler so faszinierte.
Darauf meinte ich: „Wenn wir davon ausgehen, dass Johnny Depp Sie genauso gut kennt wie Sie ihn; und wenn Johnny Depp jetzt bei mir sitzen würde: Welche Stärken würde er Ihnen zuschreiben?“ Bei dieser Frage musste mein Klient das erste Mal schmunzeln und seine Stimmung hellte sich etwas auf. Die Vorstellung, dass Johnny Depp bei mir sitzen und über ihn sprechen könnte, war wohl zu eigenartig. Aber erstaunlicherweise sprudelten plötzlich Stärken und Wünsche nur so aus ihm heraus. Fachlich gesprochen erleichterte ihm die Dissoziation, also das Abstandnehmen von seinem Problem, die Sicht auf seine eigenen Stärken. Natürlich gelingt es nicht immer so leicht, mit einer etwas anderen Perspektive einen Berufswunsch zu formulieren, aber es kann ein erster wichtiger Schritt sein.
Im Situationsbereich 3 (Kündigung) muss in der Regel mit dem Coachee vorab die Situation des Arbeitsplatzverlustes bearbeitet werden. Erst einAbschiednehmen vom alten Arbeitsplatz macht es möglich, sich auf die Suche nach einer neuen Herausforderung einzulassen. Außerdem geht der Arbeitsplatzverlust zumeist mit einem verringerten Selbstwert einher. In dieser Situation ist es noch schwieriger, die eigenen Stärken und Wünsche zu erkennen.
Handelt es sich im Feld des Karrierecoachings um eine gänzliche Neuorientierung, ist einePortion Geduld erforderlich. Wenn die Stärken / Ressourcen oder eigenen Wünsche klar wären, bräuchten unsere Coachees dafür kein Coaching. Also begeben wir uns gemeinsam auf die Suche nach den verschütteten oder versteckten Schätzen. Und dieser Weg kann schon einige Coachingeinheiten in Anspruch nehmen. Neben Geduld sollten wir aber auch denGlauben daran haben, dass jeder Mensch seine ganz individuellen Stärken hat und diese auch in einem entsprechenden Berufsfeld einsetzen kann.
Sind die Wünsche schon recht klar, geht es um diekonkreten weiteren Schritte, um das Ziel zu erreichen.
Auf den Punkt gebracht !
- Der Beruf ist ein zentraler Punkt in unserem Leben und hat daher einen großen Einfluss auf unseren Selbstwert.
- Stärken- und Schwächenanalysen brauchen Zeit.
- Kreative Zugänge können den Weg zum intuitiven Wissen bahnen.
- Manchmal braucht es vor der eigentlichen Arbeit an den Stärken Vorarbeiten wie „Abschiednehmen vom alten Arbeitsplatz“.
- Wünsche müssen im Coaching erlaubt sein.
- Als Coach brauchen Sie Geduld.
- Glauben Sie daran, dass jeder Mensch individuelle Stärken hat!
1.2 Methoden
1.2.1 Zirkusübung (Sabine Prohaska)