»Liebling, du bist nicht die Schönste oder Talentierteste, deshalb mache aus dem, was du hast, das Beste.«
Georgia Holt zu ihrer Tochter Cher
Nichts, was Cher Bono heute über ihre Kindheit erzählt, stimmt hundertprozentig. Aber es ist auch nicht ganz gelogen. Es ist eine Mischung aus Halbwahrheiten, künstlerischer Freiheit und einem Rollenklischee, in das sie in den letzten fünfzig Jahren hineinwuchs.
Fest steht auf jeden Fall, dass die ersten Lebensjahre von Cherilyn – sagen wir einmal –ungewöhnlichverliefen. Schon die Geschichte der Familie mütterlicherseits ist nicht alltäglich. Chers Großmutter war erst 15 Jahre alt, als sie in Kensett, Arkansas, die Tochter Jackie Jean zur Welt brachte. Zu diesem Zeitpunkt war Chers Großvater gerade 17, ein Junge, der Friseur gelernt hatte und von der Aufgabe, in so frühen Jahren eine Familie durchbringen zu müssen, überfordert war. Er stritt sich häufig mit seiner jungen Frau, blieb lange von daheim weg und trank eine ganze Menge.
Chers Mutter bekam schon in der frühesten Kindheit mit, was es heißt, Streit, Trennung und schließlich die Scheidung der Eltern mitzuerleiden. Jackie Jean Crouch, wie Chers Mutter früher hieß, erzählte oft, dass ihr Vater bei all seinen negativen Seiten, der aufbrausenden, wilden Art, der Trunksucht und der Unstetigkeit, trotzdem etwas hatte, was sie faszinierte: Er war durch und durch musikalisch und begann schon früh, Jackie Jean die Liebe zur Musik weiterzuvermitteln. »Mit sieben Jahren«, erzählte sie einmal, »trat ich bereits in unserer lokalen Radiostation auf und sang Country-Songs, die mir mein Vater beigebracht hatte.«
Damals war Jackies Mutter gerade 22 Jahre alt, selbst noch blutjung und an einer Familie ziemlich uninteressiert. Als sich die Eltern scheiden ließen, blieb Jackie beim Vater. Es folgten Zeiten, die die Vorlage für einen Film wiePapermoongeliefert haben könnten: Wie im Film Ryan O’Neal und seine Tochter Tatum, reisten im wirklichen Leben Jackie Jean Couch und ihr Vater durch die amerikanische Provinz und schlugen sich mehr schlecht als recht durch. Sie lebten von dem, was der Vater mit Gelegenheitsarbeiten und die Tochter durch ihre Gesangsauftritte verdienten. Eine Weile sang Jackie bei einer Hillbilly-Band mit dem Namen »Bob Wilson and His Texas Playboys«. Rückblickend gesehen, war es eine armselige Zeit. Chers Mutter empfand es damals aber nicht so: »Ich liebte meinen Vater. Und es war sehr abenteuerlich.« Die meisten Nächte verbrachten Vater und Tochter in Notunterkünften der Heilsarmee, häufig war auch Jackies jüngerer Bruder Mickey dabei, und alle drei mussten sie in einem Zimmer, meist sogar in einem Bett schlafen. Für eine Weile bekamen sie dann von der Sozialhilfe ein kleines Apartment im ärmsten Viertel von Los Angeles. Insgesamt besuchte Jackie 17 verschiedene Schulen, ohne je einen Abschluss zu machen. Das unstete Leben, der Kampf auf der Straße, die harte Arbeit – mit 13 Jahren verdiente sie für die Familie bereits ein paar Dollar als Hausmädchen nebenher – machten Jackie Jean Crouch stark. Aber sie machten sie auch unsagbar verletzlich und erweckten einen unstillbaren Hunger nach Liebe und Abenteuer in ihr.
All das muss man wissen, wenn man verstehen will, in welches Milieu Cherilyn hineingeboren, nach welchen Prinzipien sie später von ihrer Mutter erzogen wurde. Und man muss sich natürlich Chers Vater vorstellen – ein Bild von einem Mann, aber nicht nach jedermanns Geschmack.
Chers Mutter hatte indianisches Blut in ihren Adern, der Vater war Armenier. Ein hochgewachsener, dunkelhaariger Typ mit schwarzen Augen und olivfarbener Haut, der allen Frauen den Kopf verdrehte. Er wirkte äußerst männlich, und obwohl er ein einfa