Ich glaube nicht ans Schicksal. Unfälle stossen nur jenen zu, die sie zu meistern wissen. Aber wir fordern sie heraus durch unsere Art zu denken. Diese tiefeÜberzeugung hat mir das Schicksal gleichsam in Herz und Nieren eingeschrieben. Sie ist eine Art Nabelschnur, welche die Frau von heute und jene von damals verbindet.
21. März 1975: erster Frühlingstag. Die Erinnerung ist glasklar. Ich zählte fast 19 Jahre– genau das Alter, in dem man aus dem Fenster des Elternhauses klettert, um seinen Herzbuben zu treffen. In meinem Fall war das damals ein Bursche namens Toll. Er kam, so wie ich, aus Charmey, und er besass ein Motorrad.
Es war etwa elf Uhr nachts, und wir fuhren los Richtung Bulle. Wir fuhren nicht sehr schnell, aber wir waren berauscht von der Freiheit und vom Gefühl des Abends, der für uns eben erst begonnen hatte. Und dann, im winzigen Bruchteil einer Sekunde, passierte der Unfall. Ein blödsinniger Unfall, so wie immer. In einer Kurve fand sich das Motorrad plötzlich einem Auto gegenüber, das auf die linke Seite getragen worden war. Im Augenblick selbst habe ich nichts gesehen, nichts verstanden. Ich erinnere mich nur, dass auf einen Schlag alles dunkel wurde, und dann ging alles ganz schnell ... Bleibt nur der Eindruck, dass mein linkes Bein und der Ellenbogen wuchtig gegen das Fahrzeug prallten. Und dass wir wie von Riesenhand weggeschleudert wurden– ein Augenblick, und alles schlingert. Toll kam auf einem Feld wieder zu sich und ich auf dem Asphalt.
Die Ambulanz kam an, und ich wurde ins Kantonsspital von Fribourg gebracht. Die Leute vom Notfalldienst umringten mich; die Helfer schnitten meine Hose auf,übergaben sie später an Papa und Mama. Für sie war das der grosse Schock: Hosenbeine voller Blut, Schmutz und Fleischfetzen. Für mich war es der Anblick meines baumelnden Beins, das nur noch an einem Muskelstrang zu hängen schien. Ich begriff plötzlich, woher der Schmerz kam– ein stechender, gemeiner, klaffender Schmerz. Es galt noch eine ganze Reihe von Röntgenaufnahmen zu ertragen,über den ganzen Körper hinweg: Gab es noch weitere schwere Wunden oder Verletzungen? Alles erschien mir endlos, der Schmerz beinahe nicht zu ertragen. Ich verfluchte– ich muss es gestehen– diesen Trunkenbold von Fahrer, der uns von der Strasse gefegt hatte!
Die Chirurgen versuchten, aus den Trümmern einen Knöchel zu basteln. Sie zogen die Haut gerade, sie flickten die Knochen zusammen, sie legten Platten ein ... Da kleine Kiesel in die Wunde gelangt waren, entwickelte sich eine Infektion. Als wäre es heute, erinnere ich mich, wie Doktor Hansbeat Burch mir sagte:«Hören Sie, Nicole, wenn wir bis morgen warten, breitet sich die Entzündung vielleicht aus und wir können dann die Beweglichkeit des Knies nicht mehr retten. Wenn wir heute amputieren, können wir Ihnen versprechen, dass das Knie beweglich bleibt.»
Ich war wie weggetaucht, in keimfreier Isolation, zusammen mit einer Grossmama, die ebenfalls an einer Infektion litt und leider etwa einen Monat später dann starb ... Wenigstens konnte sie vor ihrem Tod noch einmal so richtig lachen, denn ein paar meiner Freunde hatten die Reklametafel einer Kneipe geklaut und im Krankenzimmer aufgehängt; sie pries«die Frucht der Rebe und der Arbeit des Menschen» ...
Es kam zu einem regelrechten Familienrat mit den Eltern, beinahe so etwas wie einem Kriegsrat. Amputieren? Nicht amputieren? Schliesslich entschieden wir uns, zuzuwarten. Nichts zuüberhasten. Ich muss noch beifügen, dass Papa allen Naturheilern sehr offen gegenüberstand, all diesen Magnetiseuren und anderen Vertretern der Parallelmedizin. So kontaktierte er denn auf Anraten eines Walliser Freundes einen Fernheiler in Bex, der alle nötigen Informationen erhielt und zum Schluss kam, die Infektion habe den Knochen noch nicht tangiert und es werde ihm möglich sein, sie auf einen Abszess zu leiten, den dann dieÄrzte aufschneiden könnten– alles aus der Entfernung! Die ganze Nacht lang litt ich wie ein Hund, aber am Morgen hatte ich auf dem Knöchel eine faustgrosse Geschwulst. DieÄrzte schnitten sie auf, und so war mein Bein gerettet ...
Natürlich hatte ich recht viel Muskelmasse rund um das Schienbein verloren. Der Fuss baumelte, aber Knöchel und Ferse waren noch da– und das Bein auch. Was dann folgte, war eine unendliche Reihe von Besuchen im Operationssaal, die zuerst der rekonstruktiven und dann der revitalisierenden Chirurgie galten ...
Erste Operation: Dem Schenkel wird ein Stück Knochen entnommen, um das Schienbein zu ergänzen. Zweiter Eingriff: Beide Knochen des Unterschenkels erhalten Platten eingelegt– sowohl das Schien- wie das Wadenbein. Da die Vorderseite eine klaffende Wunde aufwies, wurde die Haut gestreckt und gedreht wie in einer Wurstfabrik, damit alles bedeckt war und die Vorderseite so wenig Narben wie möglich aufwies. Nach dem Wiederaufbau liess man mich zwei bis drei Wochen mit Drainagen liegen, um die Wunden zu säubern.Überall im Bein fanden sich noch kleine Kiesel, und die wurden mit einer Art Düse ausgeblasen, was aber eine Infektion nicht verhinderte. Dritte Operation: Haut von den Hinterbacken ablösen und auf das Bein transplantieren. Wieder wurde ich in einem keimfreien Raum untergebracht. Aber dass man mir an den Pobacken Haut geraubt hatte, schmerzte mich viel stärker als das Bein selbst.
Kurz: alle drei Tage eine Operation! Innert acht Wochen liess ich zwölf Narkosen oder Lokalanästhesienüber mich ergehen– zum Schluss erinnerte ich mich nicht einmal mehr an meine eigene Telefonnumer! Um das Gedächtnis irgendwie zu trainieren, lernte ich Alfred de Vignys«Tod des Wolfs» auswendig. Ein herrliches Gedicht in neunzig Alexandrinern, das meinem jugendlichen Hang zum Dramatischen sehr entgegenkam und auf die Umstände gut zu passen schien!
Zusammenfassung: Dieser Unfall hat den Unterteil des linken Beins zertrümmert. Dabei wurden Nervenenden schwer beeinträchtigt und Blutgefässe zerstört. Der Streckmuskel des Schienbeins war tot, und man hatte meine Gesässbacken richtiggehend geschält. Was den Ellbogen betraf, so war der noch gl