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»Er war ein böser Mensch.«
»Davon bin ichüberzeugt. Aber leider reicht es nicht,mich zuüberzeugen, Judith. Ausschlaggebend wird sein, was die Staatsanwaltschaft und das Gericht glauben.«
»Und deshalb muss ich…all das erzählen?«
»Ich fürchte– ja. Ich bin hier, um es dir so leicht wie möglich zu machen. Wenn du zu mir kein Vertrauen hast, dann können wir auch noch jemanden von außerhalb der Polizei hinzuziehen.«
»Aber keinen Mann! Vor… vor einem Mann könnte ich das nicht erzählen.Niemals.«
»Aus diesem Grund hat man mich gerufen, Judith. Ich wurde dafür ausgebildet. Aber damit ich dir helfen kann, musst du mir ein wenig entgegenkommen. Vielleicht wäre es ein Anfang, wenn du mir deinen Nachnamen und deine Adresse verrätst– oder wenigstens dein Alter.«
»Ich bin… siebzehn.«
»Und wo wohnst du?«
»Ich… das möchte ich nicht sagen.«
»Aber deine Eltern werden sich bereits Sorgen machen, Judith. Oder deine Freunde.«
»Niemand wird mich vermissen.«
»Bist du fremd hier in der Stadt?«
»Ich binüberall fremd.«
»Aber Walter Lorasch kanntest du, und er kannte dich, nicht wahr? Man hat in seinem Schreibtisch den Brief gefunden, in dem du dich mit ihm verabredet hast.«
»Der Brief stammt nicht von mir. Ich war zufällig in diesem Haus, weil ich eine Bleibe für die Nacht suchte. Es ist nass und kalt draußen.«
»Das ist es im November meistens. Der Brief war mitJudith unterschrieben, und man wird feststellen, ob es deine Handschrift ist. Das lässt sich zweifelsfrei nachweisen.«
»Den Brief hat eine andere Judith geschrieben. Die andere kannte diesen Mann vielleicht, ich nicht.«
»Es wird uns schwerfallen, das Gericht davon zuüberzeugen, wenn du weiterhin nur vage Andeutungen machst. Ich weiß, wie sehr dich die ganze Sache belastet, und…«
»Sie wissen gar nichts.«
*
»›Eine andere Judith‹– dass ich nicht lache!« Hauptkommissar Lutz schüttelte genervt den Kopf.»Das Mädchen spielt uns etwas vor. Sie versucht, die Wallner einzuwickeln, und unsere hochgeschätzte Polizeipsychologin merkt das nicht.« Er wandte sich von dem Einwegspiegel ab, der zwar den Blick ins Vernehmungszimmer gestattete, die Personen im Beobachtungsraum aber unerkannt ließ.
Neumann zuckte die Achseln. Er stand im Rang unter Lutz und hielt sich gern mit halbgaren Mutmaßungen zurück.
»Immerhin war Lorasch Stadtrat, und zudem der designierte Nachfolger des Bürgermeisters.« Wieder schüttelte Lutz den Kopf.»Die werden sich nicht damit abfinden, dass die Kleine behauptet, er hätte ihr in dieser schäbigen Bude Gewalt antun wollen. Lorasch hat einen guten Leumund. Er war für sein soziales Engagement bekannt, und wenn eine Obdachlose behauptet, er hätte sie zum Oralverkehr gezwungen, dann bräuchten wir dafür zumindest irgendeinen Anhaltspunkt– unabhängig von ihrer wirren Aussage.«
»Sind die Bissspuren an seinen Genitalien nicht Beweis genug?«, warf Neumann vorsichtig ein.
»Was beweisen sie denn? Doch nur, dass sie ihn dort gebissen hat. Alle Spuren physischer Gewaltanwendung lassen ebenso auf Notwehr schließen wie auf eine Attacke in wilder Raserei. Sie hatte allemal genug Chemie im Körper, um total auszuklinken. In dem Brief bat sie Lorasch um ein Treffen. Der Graphologe wird bestätigen, dass esihre Handschrift ist; davon bin ichüberzeugt. Klaus, ich sage dir, die Kleine lügt uns etwas vor.«
»Sie hat Angst.«
»Natürlich hat sie Angst– Angst vor dem, wozu sie fähig ist, wenn sie Drogen genommen hat, und natürlich Angst vor den Konsequenzen ihrer Tat. Wenn sie mit uns kooperieren würde, könnte sie vielleicht mit einem blauen Auge davonkommen. Es mag ja durchaus sein, dass Walter Lorasch ein notgeiler Drecksack war– aber wir bräuchten dafür wenigstens ein paar halbwegs stichhaltige Indizien, wenn es schon keine Beweise gibt.«
»Sie hat noch keinen Rechtsbeistand, Marek«, erinnerte Neumann.
»Den kriegt sie schon noch. Wir haben sie vor Zeugenüber ihre Rechte belehrt, das reicht fürs Erste.«
Schweigend blickten sie wieder in den Vernehmungsraum. Die Polizeipsychologin und Judith saßen sich nicht gegenüber, sondern ums Tischeck herum. Eva Wallner wollte das Gespräch nicht auf Konfrontationskurs führen, sie spielte vielmehr die gute Freundin, der man sich anvertrauen konnte. Jedenfalls in der Theorie.
Lutz gefiel nicht, dass die Wallner und das Mädchen die Köpfe so eng zusammensteckten. Außerdem flüsterten sie miteinander, was eindeutig gegen die Bestimmungen verstieß. Dennoch hätte das Gespräch im Nebenraum zu verstehen sein müssen. Das Mikrofon stand genau zwischen den beiden, und auf diese Entfernung zeichnete es normalerweise jeden Seufzer auf.
»Was soll denn das?«, entfuhr es Lutz unvermittelt.»Wieso hat die Wallner das Mikro abgestellt?«
Neumann schreckte aus seinen Gedanken auf und machte ein verlegenes, schuldbewusstes Gesicht.
Mit einemärgerlichen Knurren wandte Lutz sich um und wollte schon den Sprechknopf auf der Schalttafel neben dem Einwegspiegel drücken, als er aus den Augenwinkeln registrierte, wie Judith beide Hände hob und ihre feingliedrigen, sehnigen Finger auf Eva Wallners Schläfen presste.
»Scheiße!«, zischte Lutz durch die geschlossenen Zähne und eilte hinaus auf den Flur. Nebenan riss er die Tür zum Vernehmungszimmer mit einem Ruck weit auf.
Judith redete mit unterdrückter Stimme auf die Psychologin ein, die zu perplex war, um sich aus dem Griff des Mädchens zu befreien. Plötzlich bäumte Judith sich auf und fuhr in die Hö