Kapitel 1
Der Galgen war in der Mitte des Marktplatzes aufgestellt worden. Trommelschläge trieben die letzten der Einwohner heran, die bisher noch nichts von dem Ereignis gewusst hatten. Hinrichtungen fanden nicht oft statt, denn der Vogt verhielt sich im Allgemeinen milde, doch im Falle einer Gattenmörderin konnte er keine Gnade walten lassen.
Die Verurteilte hing wie ein schwerer, lebloser Sack im Griff der Büttel, die sie heranschleppten. Ihr ratloser Blick streifte die Anwesenden nur kurz und drückte nichts weiter als Staunen aus. Noch nie in ihrem Leben hatte Adèle derartige Aufmerksamkeit erhalten wie in dem Augenblick ihres Todes. Sie schien nicht zu begreifen, woran dies liegen konnte, und es war durchaus möglich, dass sie gar nichts von dem verstand, was sich hier gerade abspielte. Die rechte Hälfte ihres Gesichts wies blaugrüne Schwellungen auf, die vielleicht von den Bütteln stammten oder auch die letzte Hinterlassenschaft jenes Mannes waren, den sie erschlagen hatte. Der Vogt verlas nochmals sein Urteil, beschrieb eine widernatürliche Tat, die gegen alle Gebote des Herrn verstieß. Marie versuchte vergeblich, ihre Ohren zu verschließen. Ein stummer Wutschrei steckte in ihrer Kehle, sie schluckte ihn pflichtbewusst und schämte sich gleichzeitig für ihre Feigheit.
Es schmerzte sie, dass sie manchmal zu jenen Kindern gehört hatte, die Adèle hänselten, weil sie unfähig schien, die einfachsten Spiele zu begreifen und bei Scherzen niemals lachte, sondern ebenso verwirrt dreinblickte wie in dem Moment ihrer Hinrichtung. Guillaume hatte Marie erklärt, dass kein Mensch Schuld daran trug, wenn der Herr ihm einen beschränkten Verstand schenkte. Danach hatte sie versucht, Adèle vor dem beißenden Spott der anderen Dorfkinder zu schützen. Seit sie allmählich zu einer Frau heranzuwachsen begann, war Marie weniger schüchtern geworden. Ihre Wortgewandtheit und jene aufregenden Geschichten, die sie dank ihres Lehrmeisters zu erzählen verstand, hatten sie die Anerkennung von Altersgenossen gewinnen lassen, obwohl sie nicht wirklich Teil der Dorfgemeinschaft war, sondern eine Außenseiterin, der Misstrauen entgegenschlug. Aber es war Marie nicht möglich gewesen, Adèle vor den Schlägen einer Mutter zu bewahren, die kein weiteres Mädchen und vor allem kein so begriffsstutziges auf die Welt hatte bringen wollen. Auch nicht vor der Ehe mit einem unbeherrschten Trinker, der seine halbwüchsige Frau noch schlimmer zurichtete, als sie es von klein auf gewohnt war.
Die schlaffe, leblose Verurteilte musste auf dem Schemel gestützt werden, sonst wäre sie bereits zusammengebrochen, bevor man ihn wegstieß. Danach ließ allein der Strick um ihren Hals Adèle aufrecht in der Luft schweben. Kurz darauf spürte Marie den Druck von Guillaumes Hand an ihrem Arm.
»Wir können jetzt gehen«, flüsterte er ihr zu. »Es war wichtig, dass wir bei der Hinrichtung anwesend waren, sonst hätten wir dem Vogt und dem Pfarrer zu sehr missfallen. Aber nun ist es vorbei.«
Marie wandte sich schnell um und folgte ihm mit gesenktem Blick. Sie wollte niemanden sehen, der Adèle gekannt hatte, aber ihr ebenso wenig zu Hilfe gekommen war wie sie selbst.
Guillaume steuerte entschlossen aus dem Dorf hinaus. Ihr Zuhause lag am Rand des Waldes, ein halb verfallener, steinerner Bau, der noch aus der Römerzeit stammte.
»Warum lief Adèle nicht fort