: Sören Berkowicz
: Kollektives Fernsehen im öffentlichen Raum: Public Viewing im Zeitalter einer individualisierten Gesellschaft
: Diplomica Verlag GmbH
: 9783842834354
: 1
: CHF 27.10
:
: Methoden der empirischen und qualitativen Sozialforschung
: German
: 108
: kein Kopierschutz/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF
Public Viewing hat sich innerhalb des letzten Jahrzehnts als eine neue Rezeptionsform im öffentlichen Raum etabliert. Trotz einer nahezu gegebenen Vollversorgung an TV-Geräten in privaten Haushalten strömen alle Jahre wieder Millionen von Menschen zu öffentlichen Plätzen, um gemeinsam sportliche Großevents zu verfolgen. Doch welche Motivation haben diese Menschen - trotz der Vielzahl an Fernsehgeräten und der Möglichkeit eines individuellen Fernsehgenusses - derartige Kollektivveranstaltungen zu besuchen? Welche demographischen und soziokulturellen Hintergründe unterscheiden Public Viewing Zuschauer von gewöhnlichen TV-Konsumenten? Wie unterscheiden sich die Zuschauer eines Sport- und Krimievents? Welche Einflüsse tragen dazu bei, dass sich Zuschauer ohne jegliche persönliche Bindung zueinander in einem öffentlichen Raum treffen, um gemeinsam fernzusehen? Ist es die Inszenierung eines Events und die dazugehörige Kommerzialisierung, welche die Menschen dazu bringt, Fanfeste oder ähnliche Public Viewing Veranstaltungen zu besuchen, oder möchten die Menschen beim Public Viewing ihre Emotionen teilen? Sind diese Veranstaltungen nur ein Erfolg, wenn es um den Sport geht? Wenn ja, wie kommt es, dass sich andere zu einem 'Tatort'-Abend treffen? Wie hat sich der heutige deutsche TV-Konsument in den letzten Jahrzehnten entwickelt, wie kann man diesen typologisieren und welche Prognosen kann man für die Zukunft machen? Werden zukünftig wieder Kinos Publikum einladen, um gemeinsam TV-Serien zu verfolgen? Eben diese Fragen versucht das vorliegende Buch zu beantworten.

Sören Berkowicz, M.A., wurde 1987 in Köln geboren und studierte von 2006 bis 2009 Sozialwissenschaften an der Université de Strasbourg in Frankreich. Den Master of Arts in Soziologie absolvierte er von 2009 bis 2012 an der Universität Hamburg.
Textprobe: Kapitel 2.1.1, Gründe für den individuellen TV Konsum und den Erfolg des Fernsehens - Die Veränderung der Produktionsweise, der Arbeits- und Freizeitzeiten: In diesem Abschnitt soll überprüft werden, inwiefern die Massenproduktion von Fernsehgeräten zu einem individuellen Konsum geführt hat. Günther Anders untersucht in dem sozialphilosophischen Werk ,Die Antiquirtheit des Menschen' (1956) auf qualitative Weise diese Frage. Einer der Gründe, der die ursprünglich kollektiven TV Zuschauer aus den Anfängen des Fernsehzeitalters in den zwanziger Jahren, mehr und mehr in das deutsche Wohnzimmer der Nachkriegszeit verdrängte, ist die veränderte Produktionsweise der Fernsehgeräte. Bevor dieses Produkt als Massenware hergestellt wurde, war der kollektive Konsum in den Kinos vorherrschend. ,Ehe man die Kulturwasserhähne der Radios in jeder ihrer Wohnungen installiert hatte, waren die Schmids und Müllers, die Smiths und Millers in die Kinos zusammengeströmt, um die für sie in Masse und stereotyp hergestellte Ware kollektiv, auch als Masse, zu konsumieren' (Anders 1987, S.101ff.). Anders beschreibt, inwieweit die Massenproduktion an Fernsehgeräten und -sendungen, zu einem individuellen Massenkonsum geführt hat. Diese Massenproduktion hatte nicht zum Ziel ein Produkt herzustellen (in dem Fall der Fernseher), dass von einer Masse konsumiert wird, sondern von ,zahlreichen Konsumenten zugleich' (ebd.). Das Gemeinschaftserlebnis, so wie es in den Kinosälen noch ausgelebt wurde, ist durch die veränderte Produktionsweise zu vielen ,Individualerlebnissen' geworden, die in den eigenen vier Wänden verfolgt werden konnten. Im Gegensatz zum Theater genießt die TV- und Rundfunkindustrie eine Sonderstellung, da für die Vorführung von Filmen und Unterhaltungssendungen die Filmemacher eine Ware absetzen musste, um die produzierten Filme an den Konsumenten zu bringen. Diese Ware ist der Fernseher, der ohne eine Massenproduktion, nicht an den Mann gebracht worden wäre. Der Durchbruch dieser Geräte fand Mitte der fünfziger Jahre statt, indem der Fernseher als Massenprodukt hergestellt wurde und somit die Zuschauer aus den ,Fernsehstuben', Kinos und anderen Gemeinschaftsräumen mit TV Geräten, riss. Der individuelle Konsum wurde mit der Ausstrahlung des ersten deutschen Fernsehens zur gleichen Zeit, beschleunigt, da zusätzlich zum Produkt Fernseher ein Sender ausgestrahlt wurde, der über mehrere Stunden täglich sendete (Klingler/Roters/Gerhards 1998, S.89ff.). Der Zuschauer musste ab dem Zeitpunkt nicht mehr sein Heim verlassen um unterhalten und informiert zu werden, da der Film und die Berichte zu ihm nach Hause kamen. ,Der Konsum der Massenware durch eine Masse, war hier also abgeschafft' (Ebd.), da die Masse zu Hause bleiben konnte, um die Massenware weiterhin zu konsumieren. Der Massenkonsum an sich blieb aber fortan bestehen, da dieser nun ,solistisch' bzw. individuell in den eigenen vier Wänden stattfinden konnte. Der kollektive Konsum ist somit durch die veränderte Produktionsweise
Kollektives Fernsehen im öffentlichen Raum: Public Viewing im Zeitalter einer individualisierten Gesellschaft1
Inhaltsverzeichnis3
Teil I - Einleitung und Problemstellung5
1.1 Vorgehensweise6
1.2 Methodik7
1.3 Forschungsstand8
Teil II – Entwicklung des Fernsehkonsums und Individualisierungstendenzen11
2.1 Der TV Konsument als individueller und solistischer Zuschauer –Definition individuell und kollektiv12
2.1.1 Gründe für den individuellen TV Konsum und den Erfolg des Fernsehens - DieVeränderung der Produktionsweise, der Arbeits- und Freizeitzeiten13
2.1.2 Gründe für den Erfolg des Fernsehens – das Produkt-Lebenszyklus-Modell15
2.1.3 Die Veränderung des TV-Programmes17
2.2 Die Fernsehzuschauerstruktur21
2.3 Die „MedienNutzertypologie“23
2.4 Die Fernsehzuschauer nach sozialen Milieus25
2.5 TV-Motivationen der individuellen Fernsehzuschauer27
2.6 Resümee28
Teil III – Die kollektiven Zuschauer im öffentlichen Raum31
3.1 Public Viewing - Begriffsdefinition32
3.2 Public Viewing von Großveranstaltungen34
3.2.1 Public Viewing während der Fußball WM/EM34
3.2.2 Entwicklung und Verbreitung des sportlichen Zuschauerinteresses37
3.3 Public Viewing von TV-Sendungen – eine Fortführung des Sport-Public-Viewings?40
3.3.1 Der ARD „Tatort“41
3.3.2 Das Tatort Viewing41
3.3.3 Ideenursprung des Tatort Viewings und Einfluss des Fußballendrunden PublicViewings43
3.3.4 Charakteristische Merkmale des Tatort Viewings45
3.3.5 Charakteristische Merkmale des Sport-Public-Viewings46
3.3.6 Gemeinsamkeiten und Unterschiede47
3.4 Charakterisierung der kollektiven Zuschauer48
3.4.1 Tatort Viewing Zuschauer49
3.4.2 Sport-Public-Viewing Zuschauer52
3.5 Gibt es ein kollektives Publikum?55
3.6 Vergleich der individuellen und kollektiven Zuschauer56
3.7 Resümee59
Teil IV – Theoretische Erklärungsansätze der Nutzungsmotive63
4.1 Gründe und Motive der Mediennutzung – die Uses-and-Gratification-Approach63
4.1.1 Bedürfnisse und Motive des Sportpublikums65
4.1.2 Bedürfnisse und Motive der Tatort Zuschauer69
4.1.3 Gemeinsamkeiten und Differenzen der Nutzungsmotive75
4.2 Die Bedeutung von Emotionen innerhalb der Soziologie77
4.2.1 Definition und Eingrenzung des Begriffs der Emotionen78
4.2.2 Der soziale Einfluss von Emotionen80
4.2.3 Kollektive Emotionen82
4.3 Identität und Gemeinschaft84
4.3.1 Das Verhalten des Individuums in der Gemeinschaft84
4.3.2 Die Vergemeinschaftung86
4.3.3. Die Vergesellschaftung87
4.4 Public Viewing als Vergemeinschaftungsform?88
4.5 Resümee91
Teil V – Schlussfolgerungen und Fazit93
Literaturverzeichnis99
Internetquellen102
Anhang103
Tatort Viewing Fragebogen104