: Mary Higgins Clark
: Gnadenfrist Roman
: Heyne Verlag
: 9783641122157
: 1
: CHF 2.70
:
: Spannung
: German
: 272
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Einer der ganz großen Spannungsromane der Meisterin des Psychothrillers

Eine Frau wird umgebracht. Ihr kleiner Sohn muss dabei zusehen. Steve, der Vater des Jungen, fordert öffentlich die Todesstrafe für den vermeintlichen Mörder, doch dann stellt eine spektakuläre Entführung die Ermittlungen auf den Kopf. Während der Entführer sein teuflisches Vorhaben in die Tat umsetzt, führt die Polizei einen dramatischen, scheinbar aussichtslosen Kampf gegen die Zeit.

Mary Higgins Clark (1927–2020), geboren in New York, lebte und arbeitete in Saddle River, New Jersey. Sie zählt zu den erfolgreichsten Thrillerautoren weltweit. Ihre große Stärke waren ausgefeilte und raffinierte Plots und die stimmige Psychologie ihrer Heldinnen. Mit ihren Büchern führte Mary Higgins Clark regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten an. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den begehrten Edgar Award. Zuletzt bei Heyne erschienen: »Denn du gehörst mir«.

3


Der Gast von 932 verließ das Biltmore um neun Uhr dreißig. Er nahm den Ausgang 44. Straße und ging nach Osten Richtung Second Avenue. Mit hochgestellten Mantelkrägen und ganz in sich zusammengeschrumpft hasteten die Menschen durch das heftige Schneetreiben. Das Wetter war ideal für ihn, denn niemand machte sich bei solchem Wetter die Mühe, auf andere zu achten.

Sein erstes Ziel war ein Trödlerladen in der Second Avenue unterhalb der 34. Straße. Trotz der Busse, die in Abständen von wenigen Minuten vorüberfuhren, ging er die Strecke zu Fuß. Vierzehn Blocks, immerhin, aber Gehen war gesund, und es war wichtig, in Form zu bleiben.

Bis auf eine ältliche Verkäuferin, die teilnahmslos ihre Morgenzeitung las, war das Geschäft leer. »Suchen Sie was Bestimmtes?«, fragte sie.

»Nein. Ich will mich nur umsehen.« Er entdeckte den Ständer mit Damenmänteln und ging darauf zu. Er schob die schäbigen Dinger hin und her und wählte schließlich einen dunkelgrauen, weit geschnittenen Wollmantel, der lang genug war, um Sharon Martin zu passen. Von einem Tisch mit gefalteten Kopftüchern nahm er das größte, ein verblichenes blaues Vierecktuch.

Die Frau packte seine Einkäufe in eine Einkaufstüte.

DerArmy-Navy-Store war gleich nebenan. Das war praktisch. In der Campingabteilung kaufte er einen großen Segeltuchbeutel. Er wählte sehr sorgfältig, denn der Sack musste lang genug sein, dass der Junge hineinpasste; er musste dicht genug sein, damit man nicht erkennen konnte, was er darin trug; er musste weit genug sein, damit genug Luft hineinkam, wenn das Zugband locker war.

In einem Woolworthgeschäft in der First Avenue erstand er sechs breite elastische Binden und zwei große Rollen starken Bindfadens. Er brachte seine Einkäufe zurück ins Biltmore-Hotel. Sein Bett war gemacht, und im Bad hingen frische Handtücher.

Er warf einen Blick in den Schrank, um zu sehen, ob das Zimmermädchen an seine Sachen gegangen war. Aber sein zweites Paar Schuhe stand noch genau so, wie er es hingestellt hatte – einer um Haaresbreite hinter dem anderen und fast an den alten schwarzen Koffer mit den zwei Schlössern anstoßend, der in der Ecke stand.

Nachdem er die Zimmertür verriegelt hatte, legte er die Tüten mit seinen Einkäufen aufs Bett. Mit äußerster Sorgfalt hob er den Koffer aus dem Schrank und legte ihn ans Fußende des Bettes. Dann holte er aus einem Fach seiner Brieftasche einen Schlüssel und öffnete den Koffer.

Systematisch prüfte er seinen Inhalt – die Bilder, das Pulver, die Uhr, die Drähte, die Zündschnüre, Jagdmesser und Pistole. Zufrieden schloss er den Koffer wieder ab.

Mit Koffer und Einkaufstüte verließ er sein Zimmer. Diesmal fuhr er bis in die untere Eingangshalle des Biltmore, die auf eine unterirdische Passage hinausführte. Von hier aus konnte man direkt in die obere Etage der Grand Central Station gelangen. Die erste Hauptverkehrszeit, wenn die Pendler mit den Vorortszügen zur Arbeit in die Stadt kamen, war vorbei, aber der Bahnhof war noch immer voller Menschen, die zu den Zügen eilten oder von dorther kamen, von Leuten, die den Bahnhof als Abkürzung zwischen der 42. Straße und der Park Avenue benutzten, und von Leuten, die auf dem Weg zu den unterirdischen Einkaufspassagen waren, zum City-Wettbüro der Rennbahnen, zu den Imbissstuben und Zeitungskiosken.

Mit ras