Maren Janson legte das Buch weg und spitzte die Ohren. War das die Wohnungstür? Nach einem kaum vernehmbaren Klopfen erschien eine kupferrote Lockenmähne im Durchgang zum Schlafzimmer.
»Sophie! Alte Rumtreiberin!« Maren schwang sich vom Bett und schloss ihre Mitbewohnerin in die Arme. Es war sehr ruhig gewesen in ihrem gemeinsamen Apartment, zu ruhig.
»Wenn ich mich nicht irre, warst du in letzter Zeit auch nicht gerade eine Stubenhockerin«, gab Sophie gurrend zurück. »Und du kannst gleich wieder anfangen, Koffer zu packen«, setzte sie hinzu, und der Schalk leuchtete in ihren grünen Augen. »St. Moritz, Schätzchen! Walter schickt uns zusammen zum Pferderennen auf dem gefrorenen See … zumWhite Turf!«
Die Begeisterung sprang auf Maren über: »Hey, das klingt ja toll. Wann geht’s los? Wie lautet der Auftrag?« Tausend Fragen schwirrten gleichzeitig durch ihren Kopf. Sie war froh, nach der Woche in der Wirtschaftsredaktion endlich wieder ein Thema aus der Schickeria zu haben. Die journalistischen Ausflüge mit Sophie waren eindeutig aufregender – und lohnender für ihr Liebesleben.
Lachend reichte ihr Sophie einen der gefüllten Sektkelche, die sie hinter dem Rücken versteckt hatte. »Morgen Nacht steigen wir in den City Night Liner. Ich kann es nicht fassen, dass Walter uns den Zug nehmen lässt. Na ja, beim Hotel war er nicht so knickerig, wir wohnen im ersten Haus am Platz, im Kulm Hotel.«
»Wir fahren mit der Bahn?« Maren war erstaunt, doch ihr Chefredakteur, Walter Stein, hatte sich bestimmt etwas dabei gedacht. Es hatte auch Vorteile, langsamer zu einem Bestimmungsort zu kommen. Während einer Zugfahrt nach St. Moritz konnte niemand vor ihren neugierigen Fragen die Flucht ergreifen. Dem aktuellen Trend der »Entschleunigung« folgend, würde es ihnen der eine oder andere Promi sicher gleichtun, womit das Journalisten-Duo auf diesem Terrain mit wenig Konkurrenz zu rechnen haben würde.
Sophie nickte. »Einen Teil derelf Stunden können wir im Schlafwagen verbringen. Sonntagabend nimmt uns John wieder mit nach Hamburg. Er ist vorher in Davos, um Fotos von einer Eisgala zu schießen.«
Vergnügt zwinkerte Maren ihr zu. Sie wusste, dass Sophie es hasste, wenn sie ihre wertvolle Lebenszeit verschwendet sah. Doch sie selbst zog es vor, in der Redaktion noch einige Arbeiten abzuschließen und sich auf den neuen Auftrag vorzubereiten. Wenn sie spontan in einen Flieger springen musste, fühlte sie sich manchmal etwas gehetzt.
Auch die Aussicht, ihren Fotografen John Feyn im Schlepptau zu haben, war sehr verlockend. Sollte sich nichts anderes ergeben, war der Sonnyboy immer für ein Abenteuer gut. Glücklicherweise hatte er eine Schwäche für sie beide.
Das erinnerte Maren an die noch fehlende Information. »Der Auftrag?«, hakte sie daher nach.
Ihre Freundin zog die Augenbrauen hoch und lächelte. »Ronny King heißt unser Hauptziel, neben jeder anderen Story, die wir kriegen können. King istder Gentleman der Pornoindustrie, es verspricht also pikant zu werden. Walter möchte allerdings, dass wir dem Ruf des Produzenten nicht schaden; dieser Ronny scheint ein anständiger Kerl zu sein.«
»Anständig im Sinne von öde?« Maren erinnerte sich dunkel daran, mal ein Foto von dem Mann gesehen zu haben. Vielleicht verwechselte sie ihn auch mit jemandem.
»Schätzchen, du kannst deinen knackigen Hintern darauf verwetten, dass der Typ heiß ist. Leider eilt ihm auch der Ruf voraus, ein wahrer Engel zu sein … es heißt, er wäre sehr sozial engagiert.«
Maren trank einen Schluck Sekt und genoss es,