2
Es war der 22. März. Wenn er noch am Leben ist, dann wird Matthew heute fünf Jahre alt, ging es Zan Moreland durch den Kopf, als sie die Augen aufschlug, minutenlang reglos dalag und sich die Tränen wegwischte, die im Schlaf oft ihre Wangen und das Kopfkissen benetzten. Sie sah zur Uhr auf der Ankleide. Es war 7.15 Uhr. Sie hatte fast acht Stunden geschlafen. Was daran lag, dass sie vor dem Zubettgehen eine Schlaftablette genommen hatte. Das gestattete sie sich nur selten. Aber wegen des anstehenden Geburtstags hatte sie fast die ganze zurückliegende Woche keinen Schlaf finden können.
Langsam erinnerte sie sich an Bruchstücke ihres stets wiederkehrenden Traums, in dem sie nach Matthew suchte. Diesmal hatte sie sich wieder im Central Park aufgehalten, hatte unermüdlich seinen Namen gerufen und ihn angefleht, er möge ihr antworten. Am liebsten hatte er immer Verstecken gespielt. In ihrem Traum hatte sie sich eingeredet, dass er gar nicht vermisst würde. Er würde sich bloß verstecken.
Aber er wurde vermisst.
Hätte ich an jenem Tag doch nur den Termin abgesagt, dachte Zan zum millionsten Mal. Tiffany Shields, die Babysitterin, hatte ausgesagt, den Buggy mit dem schlafenden Matthew so hingestellt zu haben, dass das Sonnenlicht nicht auf sein Gesicht fiel, dann hatte sie die Decke auf den Rasen gebreitet und war selbst eingeschlafen. Erst als sie aufwachte, hatte sie bemerkt, dass er nicht mehr im Buggy saß.
Eine ältere Zeugin hatte sich bei der Polizei gemeldet, nachdem sie die Schlagzeilen über das vermisste Kind gelesen hatte. Sie berichtete, sie und ihr Mann hätten im Park den Hund ausgeführt und dabei sei ihnen aufgefallen, dassder Buggy leer gewesen sei – und das eine halbe Stunde vor dem Zeitpunkt, an dem die Babysitterin laut eigener Aussage einen Blick auf den Buggy geworfen habe. »Ich habe mir nichts dabei gedacht«, sagte die Zeugin, die ihren Zorn kaum verbergen konnte. »Ich dachte mir, jemand, möglicherweise die Mutter, ist mit dem Kind zum Spielplatz gegangen. Mir ist noch nicht einmal in den Sinn gekommen, dass die junge Frau auf ein Kind aufpassen sollte. Sie hat ja wie eine Tote geschlafen.«
Und schließlich hatte Tiffany zugegeben, dass sie sich zudem nicht einmal die Mühe gemacht habe, Matthew festzuschnallen, da er tief und fest geschlafen habe, als sie die Wohnung verlassen hatten.
War er von allein herausgeklettert, hatte ihn jemand an der Hand genommen und war mit ihm weggegangen?, fragte sich Zan zum wiederholten Mal. Es gab Leute, die aufso etwas nur warteten.Bitte, Gott, lass nicht zu, dass so etwasgeschehen ist.
Matthews Bild war in allen Zeitungen des Landes und imInternet veröffentlicht worden. Ich habe gebetet, jemand,der einsam war, habe ihn vielleicht nur mitgenommen und dann nicht den Mut gefunden, sich zu seiner Tat zubekennen. Ich habe gehofft, der Entführer würde sich irgendwann stellen oder Matthew irgendwo absetzen, wo er gefunden werden konnte, dachte Zan. Aber auch nach fast zwei Jahren gibt es nicht den geringsten Hinweis aufmeinen Sohn. Wahrscheinlich hat er mich mittlerweile längst vergessen.
Langsam setzte sie sich auf und strich sich die langen kastanienbraunen Haare aus dem Gesicht. Trotz ihrer regelmäßig