Ja, liebe Zuschauer, damit hätte niemand gerechnet: Robby Jensen, ein gerade mal 15-jähriger Newcomer aus dem kalten Deutschland, stiehlt allen die Show! Hier beim Billabong Pipeline Masters auf Hawaii, dem krönenden Abschluss der Saison, zeigt er der versammelten Weltelite desWellenreitens, wo der Hammer hängt. Sehen Sie nur, wie gekonnt der junge Sylter da über die große grüne Wand aus Wasser kurvt! Kaum aus derTube, ist er mit einem schnellenCutback schon wieder an der Lippe, reißt dieNose herum und hängt an das perfekt ausgeführte Manöver noch einenFloater – den er steht! Absolute Balance, absolute Kontrolle über das Brett: obwohl die Welle jetzt schon vor ihm einzustürzen beginnt und er außerdem ein paar Fotografen ausweichen muss. Nun braucht er eigentlich nur noch einen halbwegs anständigen Abschluss hinzulegen, und der Sieg ist ihm sicher. Doch da, er lehnt sich zu weit in die letzte Kurve und kommt ins Schlingern! Das Brett rutscht ihm weg, er kann es nicht mehr steuern, über ihm die riesige Wand aus Wasser, unter ihm das messerscharfe Riff – und neinnn …
Das Tablett ging klirrend zu Boden. Eine Portion Matjes, eine Bockwurst und ein Eiskübel mit Champagner und Gläsern verteilten sich über die hölzernen Planken. Eins der in Sahnesoße eingelegten Fischfilets landete klatschend auf den teuren Lederslippern des eleganten älteren Herrn, der es eigentlich hatte essen wollen. Der Kartoffelsalat, der zu der Bockwurst gehörte, verfehlte um nur wenige Zentimeter die nackten Füße seiner Frau. Auch die anderen Gäste auf der Terrasse wichen vor den glitzernden Eiswürfeln zurück, als könnten sie sich daran verbrennen.Hättet ihr mir mal eben so viel Platz gemacht, dachte Robby betrübt – und noch bevor der Champagner schäumend in die Ritzen zwischen dem Holz eingezogen war, kam natürlich sein Chef nach draußen geschossen.
»Robby, wie oft habe ich dir schon gesagt, dass das kein Surfbrett ist!«, fauchte er, während er wütend auf das gekenterte Tablett zeigte. »Surfen kannst du in deiner Pause, aber nur dann. Und damit du das endlich lernst, ziehe ich dir den Schaden diesmal vom Lohn ab.«
»Ja, Chef. Ist klar, Chef. Tut mir leid, Chef.«
Eike Sievers, der hier am Nordstrand von Kampen das beliebte Bistro Buhne 16 führte, war gebürtiger Insulaner wie Robby und für gewöhnlich eigentlich nicht so streng. Aber jetzt zum Ende der Sommerferien war in dem Laden immer noch jeden Tag die Hölle los und der auf ein gutes Saisonergebnis bedachte Bistrobetreiber entsprechend gestresst. Er schüttelte noch mal genervt den Kopf und verschwand dann wieder in dem containerartigen Flachbau, von dem die große, auf hohen Stelzen ruhende Holzterrasse der Buhne abging. Robby zuckte verlegen mit den Schultern und machte sich daran, die Schweinerei aufzuräumen, die er veranstaltet hatte.
»Lass doch, Junge«, sagte der weißhaarige alte Knabe, dem der Matjes auf den Fuß gehüpft war, aber Robby bestand darauf, seinen angefischten Slipper sorgfältig mit einer Serviette abzuwischen und dann sogar noch mit den letzten Tropfen Wasser aus dem Kübel drüberzugehen. Sein Vater hätte es wahrscheinlich gar nicht lustig gefunden, wenn er gesehen hätte, wie