Kapitel 1
Der sechste Tag auf See war zugleich der erste ohne Sturm, ohne Regenschauer und ohne die schweren Windböen, die unbemerkt und plötzlich über das aufgewühlte Wasser strichen, trotz der wachsamen Augen des Ausgucks an Bord der Galeasse »Die Schöne von Aquitanien«. Dieser Wind, von einer Gewalt, um die Menschen schreien zu lassen in ihrer Angst, schlief ein, mit jeder Stunde ein wenig mehr.
Das Schiff rollte hilflos in dem schweren Wasser.
Carillo, der Kapitän, glaubte längst nicht mehr, jemals sicher an die Küste Nordafrikas zu gelangen. Aber dies sagte er niemandem, denn er war abergläubisch, und es galt ihm, wie allen Seefahrern, gleich welchen Glaubens, als böses Omen, über ein Unglück auf See zu sprechen. Hieß es doch die Mächte zu erzürnen und solcherlei Unbill heraufzubeschwören, ja, geschehen zu lassen.
Die »Schöne von Aquitanien« war nur ein kleines Schiff, mit einer Handvoll Seeleute als Besatzung. Vor mehr als 20 Tagen waren sie unweit von Rom, von Ostia aus in See gestochen. Beladen war das Schiff mit allerlei Waren aus Venedig: feine Stoffe aus der Lombardei und ein großer Posten ligurischen Weines, dazu Basaltsteine, etwa zehn Tonnen schwer, aus den Steinbrüchen von Rom. Dazu kamen vier edle Pferde, prächtige Geschenke an den Sultan von Ägypten. Zwei Pferdeknechte reisten auf dem Schiff, und sie waren für das Wohl dieser Tiere verantwortlich. Besonders kostbar aber war eine Bulle mit der Bitte des Papstes, Niederlassungen für den Handel mit dem Abendland zuzulassen im endlosen Weit am Rande der arabischen Wüste.
Venedig wollte handeln, und dies seit dem letzten großen Krieg zwischen den Arabern und den Christen, dem ersten Kreuzzug. Tausende führte er nach Jerusalem, und dieser Feldzug sollte ihr Grab bedeuten, dort in dem fremden Land. Doch wer für den Glauben an Jesu Christ stirbt, der sei gesegnet, und er wird das Paradies schauen. Aber der Kreuzzug lag lange zurück. Nur die Erinnerung daran war noch wach. Denn Gott ist groß und gerecht!
»Wir sind weit vom Kurs abgekommen«, sagte Carillo zu seiner Besatzung und zu den Passagieren, die sich um ihn gesammelt hatten.
Die Venezianer und zwei Knechte aus Rom, damit waren sie zu sechst, und mehr tot als lebendig lauschten sie den Worten des Kapitäns.
»Alexandria liegt weitab. Der Wind ist nicht günstig.«
»Seit Tagen nicht«, bemerkte einer der Seeleute düster.
»Wisst Ihr, Kapitän, wo wir sind?«, fragte einer der Reisenden.
»Ich kann es Euch nicht sagen, Faber«, antwortete der Kapitän, »wir werden es erst wissen, wenn wir die Küste erreichen.«
Der so Angesprochene war ein junger Mann, groß, von sehr schlankem Wuchs, mit einem schmalen, edlen Gesicht. Das Haar dunkel und leicht gelockt, das ihm bis auf die Schultern fiel. Dies war Gwyn Carlisle, ein englischer Goldschmied, der, beauftragt von Venedig und Rom, dem Dogen und dem Papst, in besonderer Mission nach Ägypten reisen sollte. Als er und die übrigen Reisenden, Kaufleute einer societas aus Venedig, vor über zwei Wochen in Ostia bei Rom ihre Reise begannen, waren sie noch alle guten Mutes gewesen. Das Schiff war klein, aber solide gebaut, die Mannschaft bestand nicht, wie üblich, aus Tagelöhnern, sondern freien Sizilianern. Diese Männer, und besonders ihr Kapitän, Markus Sebastiano Carillo, kannten die Küste und auch das Meer bis hin zur Küste von Alexandria, denn es war nicht ihre erste Fahrt dorthin.
Eine halbe Tagesreise hinter der Insel Kreta hatte der tagelang andauernde Sturm begonnen. Nun waren sie alle müde und hungrig. Die Tage auf See waren kalt gewesen, und durch die stete Nässe brannte längst kein Feuer mehr auf dem Schiff. In der Hoffnung, endlich Land zu sehen, versuchte jedes Augenpaar, die tiefhängenden Wolken zu durchdringen. Bei klarem Wetter war eine Reise von Rom mit einem seetüchtigen Schiff, immer an der Küste des Königreiches Sizilien entlang, durch die Straße von Messina, an Reggio vorbei, eine Reise ohne Mühe, ja oft vergnüglich. Doch dieser schwere Sturm ließ die Fahrt zu einer kräftezehrenden Angelegenheit werden.
Das Schiff rollte noch immer hin und her.
Ein Teil der Takelage war beschädigt worden, und bei dem steten Seegang war es keinem der Seeleute bisher gelungen, wenigstens einiges davon herabzuschlagen und neue Segel zu setzen. So trieb das Schiff mit der unruhigen See in einer unbekannten Richtung. Auch das Ruder war beschädigt worden. Die Gewalt des Wassers hatte das Ruderblatt eingedrückt, ein daumenbreiter Riss ging quer durch das ganze Holz. Wenn das Schiff vom Steuermann wieder auf seinen Kurs gezwungen wurde, konnten alle die Bruchstelle genau erkennen. Dort schimmerte das Holz hell. Und bei jedem Manöver sah der Schaden bedrohlicher aus. Zwei Zimmerleute begannen, an einem der Ausleger vom Heck aus auf das Ruder hinauszuklettern. Dort wollten sie versuchen, lange Bretter quer über die breite Holzfläche zu schlagen. Die Arbeit war mühevoll und gefährlich, aber es war im Moment die einzige Möglichkeit, das beschädigte