1. Kapitel
Simone leckte sich die Finger ab. Zwischen ihrem Teller, den sie gerade mit einem Stück Baguette blitzblank gewischt hatte – der Gemüse-Wein-Sud war zu lecker, um auch nur einen Tropfen davon zu vergeuden –, und dem von Frank stand eine Schüssel mit einem Berg leerer Muschelschalen. Jetzt wusste sie, wie man Muscheln aß. Man brauchte dazu nicht einmal Besteck; die Muschelhälften ersetzten ohne weiteres Gabel und Zange.
Sie trank den Rest Weißwein aus ihrem Glas und lehnte sich zufrieden seufzend zurück.
Ihr Gegenüber lächelte sie an. „Wie ich sehe, hat es Ihnen geschmeckt. Das freut mich. Sollen wir bei dem Pinot Grigio bleiben, oder möchten Sie einen Bordeaux probieren?“
Hinlegen möchte ich mich jetzt, am besten mit dir zusammen. Simone riss erschrocken die Augen auf, beruhigte sich aber gleich wieder, als ihr bewusst wurde, dass sie diesen Satz nur gedacht hatte. Die Gedanken sind frei, oder? Sein Grinsen schien aber zu sagen:Ich kann deine Gedanken lesen! Das verunsicherte sie. „Ähhh, bleiben wir bei dem Weißwein, der ist so schön kühl.“
So eine blöde Begründung, da könnte ich ja genauso gut Wasser trinken! Wäre wahrscheinlich sowieso besser, bevor ich hier noch die Kontrolle über mich verliere.
Frank Schlichter stand vom Tisch auf und warf die Muschelschalen in den Mülleimer. Die Teller stellte er in die Spülmaschine. „Wie wäre es, wenn Sie sich im Bad die Hände waschen; die riechen jetzt bestimmt nach Fisch, ich entkorke so lange den Wein.“
Simone konnte sich gerade noch beherrschen, an ihren Fingern zu riechen. Klar, das war eine gute Idee. Dass sie da nicht selbst draufgekommen war!
Sein Bad war modern und geräumig. Neben einer Eckwanne mit Düsen gab es eine große ebenerdige Dusche und ein Doppelwaschbecken. Sogar ein Bidet stand darin, etwas, was man in deutschen Bädern nicht allzu oft sah.
Simone wusch sich die Hände und den Mund, spülte ihn gründlich aus und überlegte kurz, ob sie ein wenig Zahnpasta auf den Finger tun und auf den Zähnen verreiben sollte. Aber nein. Was wäre, wenn sie sich küssen würden (hoffentlich!), dann nähme er womöglich an, sie hätte seine Zahnbürste benutzt. Das war etwas, was Simone auf den Tod nicht ausstehen konnte: wenn jemand – und selbst wenn sie mit diesem Jemand geschlafen hatte – ihre Zahnbürste benutzte. Deshalb hatte sie immer einen Vorrat an Ersatzzahnbürsten in ihrem Schrank. Man konnte nie wissen.
Denn noch weniger als das Benutzen ihrer Zahnbürste durch Fremde mochte sie einen Bettgenossen mit ungeputzten Zähnen. Nicht, dass sie in letzter Zeit