Die Vernichtung von Dersim Roman
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Haydar Isik
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Die Vernichtung von Dersim Roman
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Unrast Verlag
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9783954050048
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1
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CHF 11.70
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Historische Romane und Erzählungen
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German
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344
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kein Kopierschutz
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PC/MAC/eReader/Tablet
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ePUB
Im Zentrum der Handlung steht das Schicksal des Dorfes Mergasur in Ost-Dersim, einsetzend im Winter 1937/ 38. Die türkische Militäraktion gegen West-Dersim ist bereits in vollem Gange, nach einem außerordentlich harten Winter werden auch die Dörfer Ost-Dersims geräumt, ein großer Teil der Bevölkerung wird umgebracht, wer überlebt wird in den Westen der Türkei deportiert. Im weiteren Verlauf konzentriert sich die Geschichte auf das Schicksal einer jungen Frau, die als kleines Mädchen die Massaker überlebt hatte.
Haydar Isik, geb. 1937 in Dersim. Pharmazie- und Lehramtsstudium.1974 nach Deutschland exiliert. Lehrer für Türkisch an einer Realschule in München. Nach dem Militärputsch ausgebürgert, wurde ihm 1984 die deutsche Staatsbürgerschaft zuerkannt. Mittlerweile ist er als freier Schriftsteller und Journalist tätig. Zwei seiner Bücher sind bislang auf Deutsch erschienen:"Der Agha aus Dersimin" (A1 Verlag) und"Verloren in Deutschland" (Ararat Verlag).
Ein Lied nach dem anderen. Manche der jüngeren Männer schlossen sich Bakýls Gesang an. Alibinats Raum hallte von Männerstimmen wider. Es waren Lieder, die Leid zum Ausdruck brachten und Wut.
Zigaretten wurden gedreht, das Leid in den Liedern besprochen, Rosinen, Pestil, Maulbeeren und Walnüsse geknabbert. Wie immer wartete man auf den Höhepunkt der Versammlung. Die Kinder waren kurz vor dem Entschlummern, und die ganz besonders Neugierigen waren ja sie. Aller Augen waren auf Alibinat gerichtet. Die Augen derer, die ihn mochten, und auch derer, die ihn innerlich ablehnten, doch er hatte noch nie jemandem je ein kränkendes Wort gesagt. Die Dörfler liebten ihn, wie sie ihn fürchteten. Sein Fluch konnte Felsen spalten, Ochsen umwerfen, Menschen innerhalb einer Woche in Krankheit stürzen. Da das jeder wußte, war seine Stellung sicher. Im vergangenen Jahr hätte Cafo Derg fast mit dem Leben dafür bezahlen müssen, daß er in das Feld der hinterbliebenen Waisen von Uso Kor eingedrungen war. Alibinat hatte die Grenzverletzung gesehen und gesprochen:"Ero Cafo, ist das nicht ungehörig, was du da getan hast? Glaubst du, dich ungestraft an den Waisen vergehen zu können?" Cafo Derg war bei diesen Worten vor Wut außer sich geraten. Mit dem Anspruch, Recht zu haben, wie der Drache, der sich an den Brunnen setzt und Tribut verlangt, hatte er ganz Mergasur zusammengeschrien. Daraufhin hatte Alibinat die Grenzsteine aufgehoben und den ehemaligen Grenzverlauf wieder hergestellt:"Entweder du akzeptierst das oder du richtest dich darauf ein, daß dein Ofen verlöschen wird und deine Kinder nicht mehr wärmt. So wahr ich den Duzgin, der uns hier zuhört, dafür anflehen werde!" Cafo Dergs lange Beine hatte augenblicklich ein Zittern befallen, Angst kroch ihm in alle Knochen, und er wurde brav wie die Ziege im Maul des Wolfes. Voller Schrecken rief er mit zittriger Stimme:"Apo, Apo, Gott möge dich strafen! Willst du meine Familie des Ernährers berauben?""Das ist deine Sache", hatte Alibinat ruhig geantwortet und war davongegangen. Cafo Derg lief ihm hinterher, küßte seine Hände und bat um Vergebung. Seine Frau warf sich Alibinat zu Füßen, er möge doch verzeihen. Fast alle Bewohner Mergasurs glaubten fest daran, Cafo Derg sei von einem großen Fluch befreit worden. Hätte er auf seiner Sache beharrt, hätte er kaum die nächste Woche überlebt, dachten alle, jung und alt, Mann und Frau. Die Frauen erzählten sich, daß es Alibinat sei, der Freitag nachts Kerzen am Brunnen anzündete. Des nachts war Alibinat soviel wert wie vierzig Kerzen in der Dunkelheit, am Tag war er Verstand und leuchtender Geist.