MIT DEM TAXI IN DEN KRIEG
Der 6. Oktober 1973 ist ein ganz gewöhnlicher Samstag. Deutschland ist im Rolling-Stones-Fieber– zum ersten Mal nach drei Jahren ist die Band auf Europa-Tour, ein Fest für alle Hippies und Rock’n’Roller.
Der syrische Diktator Hafiz al-Assad feiert an diesem Samstag seinen 43. Geburtstag. Derägyptische Präsident Muhammad Anwar as-Sadat macht seit Monaten Schlagzeilen: Spektakulär hat er 21000 russische Militärberater aus dem Land geworfen. Und zieht damit einen endgültigen Schlussstrich unter das Kapitel Sozialismus seines Vorgängers Gamal Abdel Nasser. Staatliche Firmen werden privatisiert, ein außenpolitischer Kurswechsel in Richtung USA zeichnet sich ab. Die Spannungen zwischen den Blöcken Ost und West haben wieder zugenommen.
Die islamische Welt begeht den Fastenmonat Ramadan, die westliche feiert die Götter des Rhythm and Blues. Kein Mensch rechnet an diesem Tag mit einem Krieg im Nahen Osten. Umso elektrisierender die Nachricht, die mich am frühen Nachmittag zu Hause erreicht: Mit einemÜberraschungsangriff haben dieägyptische und die syrische Armee Israel auf dem Sinai und auf den Golanhöhen attackiert– ausgerechnet am Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag.
Die Welt hält den Atem an. Die Russen reagieren verstört, weil sie fürchten, mitÄgypten einen langjährigen Verbündeten zu verlieren. Der neue Nahostkrieg stürzt die Welt, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, in eine gefährliche Krise.
Seit einigen Wochen war ich Auslandschef beim»SDR«-Fernsehen in Stuttgart, zuständig unter anderem für das Auslandsmagazin»Kompass« und die Arabische Welt. Ich fuhr sofort in den Sender. Wir mussten schnell entscheiden. Gerhard Konzelmann, der»SDR«-Nahostkorrespondent, saß in Beirut, von wo aus er die Entwicklung auf dem Golan verfolgte. Der Korrespondent des»Bayerischen Rundfunks«, Edmund Gruber, berichtete für die»ARD« aus Israel. Aufägyptischer Seite war das»Erste Deutsche Fernsehen« nicht vertreten. Jemand musste nach Kairo.
Aber es gab ein Problem: Der Linienflugverkehr nachÄgypten war sofort nach Bekanntwerden der Kriegshandlungen eingestellt worden. Auch das Nachbarland Libyen wurde nicht mehr angeflogen. Erst am dritten Kriegstag hatten unsere Recherchen Erfolg: Eine russische Transport-maschine, die von Frankfurt nach Tripolis fliegen sollte, war bereit, uns mitzunehmen.
Das Team war längst zusammengestellt und so saßen»SDR«-Kameramann Mike Condé, ein Tontechniker und ich einige Zeit später in einem alten sowjetischen Militärtransporter auf dem Weg in den Nahen Osten. Die Maschine war aus Paris gekommen, mit Journalisten an Bord, vielleicht auch neuen russischen Militärberatern in Zivil, die in Kairo jetzt wieder gebraucht wurden. Eine Hundertschaft bunt zusammengewürfelter Passagiere saß fröstelnd in einem kalten russischen Flieger auf dem Weg in den Krieg. Der Flug kam mir endlos vor.
Tripolis, die heutige Millionen-Metropole, war zu dieser Zeit eine Provinzstadt mit gerade einmal 400000 Einwohnern. Viele Häuser waren noch im italienischen Kolonialstil erbaut, dasÖl sprudelte erst seit wenigen Jahren. Die libysche Revolution war vier Jahre alt– und der selbsternannte Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi ein noch unbeschriebenes Blatt.
Tripolis war meine erste Begegnung mit der Arabischen Welt. Hier funktionierte so ziemlich alles anders. Telefonieren mit Deutschland? Ein Ding der Unmöglichkeit. Hotels? Fehlanzeige. W&