Ulrich Kienzle
Politischer Urknall
am Sackbahnhof
Eine kurze Zeitreise
in die Welt
der Wutbürger
Eigentlich war es nur vordergründig um den Bahnhof gegangen, dieses hässliche, leicht vergammelte Muschelkalkmonster aus den Zwanzigerjahren, das eher an eine Feldherrnhalle erinnert als an einen Bahnhof. Groß und martialisch wirkt das verwitterte Gemäuer und widerspricht damit allen schwäbischen Bescheidenheitsvorstellungen. Der Sackbahnhof ist ein Stück Angeber- und Protzarchitektur. Ein imperialer Klotz mitten in die Stadt geknallt. Ein Monument, das immer mehr sein wollte als ein profaner Bahnhof. Sein Schöpfer, Paul Bonatz, hat ihn nicht ganz zufällig»umbilicus sueviae« genannt– den»Nabel Schwabens«. Nun hätte man erwarten können, dass die Stuttgarter Bürger nichts sehnlichster wünschten, als von dieser monströsen Architektur befreit zu werden, einem städtebaulichen Fossil der ganz besonders hässlichen Art. Aber weit gefehlt. Eigensinnig, wie sie nun mal sind, wollten viele Stuttgarter das Monster behalten. Vielleicht war es Trotz. Vielleicht war es auch der Stolz auf die ungewöhnliche Leistungsfähigkeit des alten Sackbahnhofs. Vielleicht wollten sie aber einfach nicht, dass Stuttgart das Herz Europas wird, wie dies eine durchgeknallte Werbung und die regierende Polit-Elite des Landes versprochen hatten. Und weil viele Stuttgarter so trotzig reagierten, wurde der riesige, vergammelte Muschelkalkkoloss doch noch zum Nabel Schwabens.
Der Streit um Stuttgart 21 endete nämlich in einem politischen Urknall am Sackbahnhof. Natürlich ging es auch ums»Obenbleiben« oder»Tieferlegen«, um die Zahl der Gleise und Verkehrstakte und um Milliarden Euro. Aber im politischen Untergrund hatte schon länger eine politische Veränderung Platz gegriffen, die nicht nur ich für unmöglich gehalten hatte. Der politisierte Bahnhof wurde zu einer Art Geburtshelfer, der die ganze Region in ein neues Zeitalter katapultieren und den Rest der Republik in Erstaunen versetzen sollte.
Dies ist verwunderlich, weil die Demonstrationslust sich im reichen»Musterländle« immer in Grenzen gehalten hat. Der Schwabe demonstrierte lange am liebsten in Festumzügen– und aus gegebenem Anlass. Als Narr der schwäbisch-alemannischen Fasnachtszünfte zum Beispiel. Da ist alles geregelt.
Lange muss man in den Geschichtsbüchern blättern, bis man auf die letzte Rebellion in der Region stößt. 1514 hatte der»Geißpeter« aus Beutelsbach, ein pfiffiger und aufmüpfiger Tagelöhner, die Bauern zum Aufstand gegen Herzog Ulrich aufgestachelt. Schorndorf war damals wochenlang»befreites« Gebiet und wurde vom»Armen Konrad«1 beherrscht. Die Rache des Herzogs war fürchterlich. Er ließ alle seine Gegner gnadenlos köpfen. Das hat bleibenden Eindruck gemacht. Danach herrschte Ruhe im Land.
Selbst die 68er-Revolte war im Schwäbischen schnell verpufft. 2000 Aufgeregte, die meisten Studenten aus Heidelberg und Tübingen, hatten zwar an Ostern 1968 gegen den Bechtle-Verlag in Esslingen demonstriert, weil der die»Bildzeitung« druckte. Aber schon ihr Slogan hatte nicht unbedingt revolutionäre Wallungen entfacht:»Bechtle! Bechtle, Springer-Knechtle!« Die Verkleinerungsform hatte etwas Verniedlichendes, Verharmlosendes. Wie häufig, wenn Schwaben rebellieren.
In schöner Erinnerung ist auch die Aussage des schwäbischen Revolutionärs und Spartakisten Seebacher, der dem zurückgetretenen, eher leutseligen König Wilhelm II. einst am 4. November 1918 bestätigte, dass er sich korrekt verhalten habe. Der König müsse aber trotzdem zurücktreten:»S’ischt wega dem Sischtem!«2
Lange demonstrierte nur einer. Sozusagen im Alleingang. Der sattsam bekannte Remstal-Rebell Helmut Palmer. Er sägte Bäume um und schüttete Bürokraten, die zu lange Mittag machten, Mist in die Dienstzimmer. Dafür landete er immer wieder im Knast. Aber man erlaubte sich, den Mann nicht ganz ernst zu nehmen. Einer, der dauernd demonstr