Am Montag fuhr Judith nach Worcester, wo 1651 die letzte große Auseinandersetzung des Bürgerkriegs stattgefunden hatte. Sie ging zuerst zur Kommandantur, dem Holzbau, der Karl II. als Hauptquartier gedient hatte. Von Grund auf restauriert, waren dort jetzt Uniformen, Helme und Musketen zu sehen — Anschauungsmaterial, das die Besucher zur Hand nehmen und studieren durften. Als sie eine Captain-Uniform der Cromwell-Armee näher betrachtete, empfand sie herzzerreißende Traurigkeit. In einer audiovisuellen Darstellung wurde die historische Auseinandersetzung mitsamt den Ereignissen, die dazu geführt hatten, dokumentiert. Mit brennenden Augen verfolgte sie die überaus realistische Aufzeichnung, merkte nicht, daß sie die Hände zu Fäusten geballt hatte.
Ein Aufseher gab ihr eine Karte, die den Ablauf der Schlacht von Worcester übersichtlich darstellte, und erklärte: »Die Royalisten hatten in der Schlacht von Naseby eine schwere Niederlage erlitten. An jenem Tag war der Krieg praktisch zu Ende, von Cromwell und seinem Parlamentsheer gewonnen. Doch er zog sich immer noch weiter hin. Die letzte große bewaffnete Auseinandersetzung fand hier statt. Die Royalisten wurden von dem erst einundzwanzigjährigen Karl angeführt, dem die Historiker ›beispiellose Tapferkeit‹ bescheinigen, aber das nützte nichts. Sie hatten bei Naseby fünfhundert Offiziere verloren und sich davon nie mehr erholt.«
Judith verließ die Kommandantur. Es war ein typischer naßkalter Januartag. Sie hatte einen Burberrry an und den Kragen hochgeschlagen. Aus dem zum Nackenknoten aufgesteckten Haar ringelten sich ein paar widerspenstige Strähnen um ihr aschfahles Gesicht mit den weit aufgerissenen Augen.
Sie folgte der Karte bei ihrem Rundgang durch die Stadt, blieb zwischendurch stehen, um ihre eigenen Notizen zu konsultieren und Eindrücke festzuhalten. Beim Blick vom Turm der Kathedrale erinnerte sie sich, daß Karl II. von derselben Stelle aus Cromwells Vorbereitungen für die Schlacht beobachtet hatte. Und als sich die Niederlage eindeutig abzeichnete, hatten sich die royallstischen Truppen, den sicheren Tod vor Augen, zum letzten verzweifelten Angriff dem Parlamentsheer entgegengeworfen, um ihrem zukünftigen Herrscher bei seiner Flucht Deckung zu geben. Von hier aus hatte Karl den langen, qualvollen Weg durch England angetreten, um in Frankreich Asyl zu suchen.
Ein Jammer, daß er entkommen ist, dachte sie verbittert, als die Narbe an der Hand sich zu verfärben begann. Sie sah die winterliche Landschaft um Worcester nicht mehr, sondern fuhr an einem warmen Juliabend des Jahres 1644 in einer Kutsche nach Marston Moor mit der Hoffnung, Vincent noch am Leben zu finden . . .
Trommelwirbel begleitete ein kleines Kommando der Roundhead-Truppen. Beim Anblick der herannahenden Kutsche traten zwei Wachen heraus, sperrten mit langen Stangen den Weg ab.
Lady Margaret entstieg der Kutsche. Sie trug ein dunkelblaues Tageskleid aus feinem Leinen und von einfachem Schnitt mit weißem Rüschenkragen, dazu ein passendes Schultercape. Außer dem Ehering hatte sie keinerlei Schmuck angelegt. Ihr dichtes kastanienbraunes, jetzt von Silberfäden durchzogenes Haar war im Nacken zusam