Kapitel 1
Die einzige Konstante in meinem Leben war ein in die Jahre gekommener Exrocker namens Carlo, den ich dafür bezahlte, dass ich ihn jederzeit unangemeldet vollquatschen durfte. Aus praktischen Gründen trafen wir uns stets bei ihm. Sein Mobiliar ermöglichte einen Aufenthalt in angenehm erhöhter Sitzposition. Außerdem hielt mein Gastgeber größere Mengen jenes Erfrischungsgetränkes bereit, das ich zur Deckung meines Flüssigkeitsbedarfs bevozzugte. Aus Kostengründen musste ich mir diesen Service allerdings mit ein paar Bewohnern meines Viertels teilen. Und wenn es mit meinen Finanzen weiter bergab ging, würde ich mir auch diesen kleinen Luxus bald nicht mehr leisten können. Es war mir nämlich gelungen, den Abwärtstrend umzukehren – in einen Steil-Abwärtstrend!
Carlo stellte ein frischgezapftes Pils vor mir auf den Tresen und sagte: «Wohl bekomm’s.»
Ich hatte ihm gerade anvertraut, dass meine Exfrau mich mit bizarren Forderungen konfrontierte. Beate trug den schwarzen Gürtel im Über-den-Tisch-Ziehen, und mich hatte sie zu ihrem bevorzugten Sparringspartner gemacht.
«Du sollst für ihren Seelenklempner blechen?»
Ich würde für jede Schraube zahlen, die einer bei ihr festzog. Doch Beates Therapeutin tat genau das Gegenteil.
«Außerdem unterstellt sie mir ständig, dass ich horrende Einnahmen vor ihr und ihrem Rechtsbeistand verberge.»
«Du und horrende Einnahmen, nicht zu fassen!», entrüstete sich Carlo.
«Nicht zu fassen», wiederholte ich, etwas unsicher, ob ich diese Form des Zuspruchs gutheißen sollte. Carlo polierte an einem Weinglas herum und stellte es in ein Regal. Anschließend beugte er sich ein Stück über den Tresen und fragte:
«Schon mal was vom Sandwich-Test gehört?»
«Sandwich-Test?», wiederholte ich einigermaßen irritiert.
«Den hättest du mit Beate machen sollen. Also bevor du sie geheiratet hast, meine ich.»
Ich wollte gerade nachhaken, was mein Servicemann mit diesem ominösen Test meinte, als sich in meiner Stammkneipe eine merkwürdige Szene abspielte. Die Tür flog auf, und Tieschen kam in das Lokal gestolpert. Er war auf den drei Stufen, die in den Gastraum führten, schwer ins Straucheln geraten und fast hingeknallt. Dann hatte er sich aber doch noch gefangen und schien den unverhofften Schwung nutzen zu wollen, um eine absurde Vorstellung zu geben. Die Vogelscheuche mit dem löchrigen Mantel und der wirren Kopfbehaarung war genau vor dem Tresen zum Stehen gekommen und krächzte auf einmal: «Überfall!» Sie schwankte merklich, bis ihre Hand an einem imaginären Griff Halt zu finden schien. Ihr flackernder Blick streifte weiter durch die Kneipe.
Tieschen war der Obdachlose unseres Viertels. Jeder im Raum kannte ihn. Normalerweise diente ihm ein zerknitterter Pappbecher als Erwerbsquelle, doch heute fuchtelte er völlig irre mit einer Schusswaffe in der Luft herum. Jetzt richtete er die Kanone auf Carlo.
Oha, dachte ich, das gibt Ärger. Das Teil sah nämlich verdammt echt aus, zu echt jedenfalls, um als Scherz durchzugehen. Dann knallte es auch schon. Es war das Geräusch, das Carlos Handrücken in Tieschens Gesicht machte, als e