: Gila Lustiger
: Woran denkst du jetzt Roman
: Berlin Verlag
: 9783827075277
: 1
: CHF 8.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Geschichte beginnt mit ihrem Ende. Onkel Paul war lange krank gewesen, sein Tod war keine Überraschung, und doch ist da erst mal Stille, Wut und Ratlosigkeit. Belangloses, Erinnerungen und Alltägliches mischen sich in das Gespräch der Schwestern. Aufgewühlt von der Trauer, für die sie noch keine Worte haben, erzählen sich Lisa und Tanja von Onkel Paul. Er war an die Stelle des Vaters getreten, als sich die Eltern scheiden ließen.Er übernahm die Rolle der Mutter, als sie sich nach der Trennung nicht um die heranwachsenden Töchter kümmern konnte. Heute ist Tanja eine erfolgreiche Wirtschaftsexpertin, hat Familie, einen soliden Mann und eine niedliche Tochter. Lisas Schauspielerkarriere ist zwar gescheitert, doch sie hat sich ein Leben als Therapeutin aufgebaut. Paul, selbst ein Mann der Kunst, des guten Geschmacks, hatte sich mehr gewünscht, denn seine beiden Nichten sollten alles werden, nur nicht gewöhnlich. Die Trauer macht uns erst sprachlos, dann empfänglich für das, was wir nicht wahrhaben wollen, und gibt uns schließlich eine Sprache für die eigene Geschichte zurück. Diesen Moment nutzt Gila Lustiger in ihrem neuen Roman, entlarvt die Gewissheiten und falschen Wahrheiten, um dorthin zu gelangen, wo auch Trost wieder möglich ist. Mit leichter Hand gelingt es ihr, ein Kammerspiel über den Tod zu schreiben und dabei über das Leben zu reden. Gila Lustiger ist eine kraftvolle und kompromisslose Erzählerin, der wir gern in diese Nacht der Trauer folgen, behält sie sich doch vor, auch das Komische im Allzumenschlichen zu sehen.

Gila Lustiger wurde 1963 in Frankfurt am Main geboren. Sie studierte Germanistik und Komparatistik an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1987 lebt sie als freie Autorin in Paris. Ihr erster Roman, »Die Bestandsaufnahme«, erschien 1995, dann 1997 »Aus einer schönen Welt«. Mit »So sind wir «(2005), einem Familienroman über die Geschichte der europäischen Juden, stand sie 2005 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. 2011 erschien ihr Roman »Woran denkst Du jetzt«, 2015 ihr hellsichtiger und vielgelobter Gesellschaftsroman »Die Schuld der anderen«, der wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste stand, und Anfang 2016 ihr preisausgezeichneter Essay »Erschütterung«, in dem sie sich mit den Gründen und Folgen der Terrorattentate in Frankreich auseinandersetzt.

 

LISA

ALLES WIE GEWOHNT. Der Gedanke rettete Lisa in dieser Nacht. Alles ging irgendwie weiter, ohne sich äußerlich verändert zu haben. Wenn jemand in die Küche kommen würde, so würde er sie so dasitzen sehen wie alle Abende zuvor. Er würde nicht wissen, dass sie diesmal nicht auf ihren Onkel aufpasste, sondern auf ihre Schwester Tanja wartete, die im ersten Stock versuchte, ihre Mutter zu trösten. Er würde sie nur wieder auf ihrem gewohnten Platz im Korbsessel thronen sehen, den sie an die Wand neben das Fenster geschoben hatte. Zur Rechten überblickte sie die Küche. Geradeaus lag dunkel und verschwommen der Flur, schräg hinter ihr erstreckte sich der Garten, in dem sich ein verfrühter Frühling schon zu regen begann. Es war die letzten Tage ungewöhnlich warm gewesen, und die zwei Hortensienbüsche an der Mauer, die auf eine kleine Einfahrt führte, fingen schon an, vorsichtig ihre Knospen zu öffnen und einen zarten, blauen Flaum zu entfalten. Er würde sie also so dasitzen sehen, mit dem Frühling und einem nun fast dunklen Himmel im Rücken, mit einer Tasse Tee auf den Knien. Und wie all die Tage zuvor lief der Fernseher, den sie vor ein paar Monaten vom Wohnzimmer in die Küche getragen hatten, ohne Ton. Lisa schaute zum Bildschirm hinüber, schaute gar nicht richtig hin, nippte an ihrem Tee und folgte geistesabwesend den Bildern. Es war ein Dokumentarfilm über Jazz, vielleicht auch ein Film über New York oder über die Sechziger, so sicher war sich Lisa nicht. Sie hatte ein Geschick dafür entwickelt, sich von dem Sinn nicht behelligen zu lassen, und dass sie nach einer guten halben Stunde immer noch nicht herausgefunden hatte, worum es eigentlich ging, bereitete ihr Vergnügen.

Seit ihr Onkel krank geworden war, hatte sie das Interesse am Weltgeschehen verloren. Sie, Lisa Bergmann, die fleißige Onlinepetition-Unterschreiberin, die ihre Stimme regelmäßig gegen Hunger und Armut, Neonazi-Kundgebung, zu hohe Studiengebühren oder genmanipuliertes Speiseöl erhob, die, soweit sie zurückdenken konnte, wütend durchs Leben ging, brachte nun weder die nötige Geduld, noch die erforderliche Anteilnahme auf, um sich von den vielen Schreckensbildern erschüttern zu lassen. Genau genommen sah sie gar nicht mehr richtig hin, wenn sie in der Küche sitzend den Fernseher anschaltete und sich wahllos Filme, Nachrichten oder irgendwelche schwachsinnigen Unterhaltungssendungen reinzog, um nicht einzuschlafen. Der Trubel da draußen interessierte sie nicht. Die Verstrickungen, Hintergrundinformationen, die nötig gewesen wären, um aus all den flimmernden Formen etwas Zusammenhängendes, Kohärentes zu machen, etwas, was auch sie anging und bewegte, all das erschöpfte sie schon im Voraus. Was da draußen geschah, hatte nichts mit der Situation im Haus zu tun. Nichts mit dieser kleinen, ganz und gar durchorganisierten Welt. Nichts mit der Stille, die sie besonders abends umgab und die eine feste, zähe Konsistenz hatte. Und natürlich hatte es nichts mit der Krankheit ihres Onkels zu tun und daher auch nichts mit ihrer Mutter, mit Tanja und mit ihr. Sie ließ sich von den Bildern einlullen, thronte auf ihrem Platz, nippte an ihrer Kräuterteemischung und dachte an Onkel Paul.

Er war gestorben, wie er es sich gewünscht hatte – in seinem Haus. Zwar nicht in seinem ehemaligen Zimmer im ersten Stock, aber doch in dem Haus, in dem er aufgewachsen war.

»Bring mich heim«, hatte er im Krankenhaus ihre Mutter gebeten und damit nicht die Wohnung gemeint, in der er seit vierunddreißig Jahren mit Anne, seiner Frau, zusammenlebte, sondern das Haus. Er hatte diesen Entschluss in einer schmerzfreien Stunde gefasst, hatte er ihnen später im Auto erklärt, als er aufstehen, sich waschen und zur Toilette hatte gehen können. Und in Ruhe darüber hatte nachdenken können, was er wirklich wollte. Nicht, was sie alle, die Ärzte, die Pfleger und die Familie, für sein Bestes hielten, sondern was er, Paul Bergmann, als Nächstes zu tun gedachte. Er hatte also entschieden, in sein Elternhaus zurückzukehren, und diese Resolution sogleich in die Tat umgesetzt, hatte sich rasiert und sein grünes Krankenhausnachthemd gegen den mittlerweile zu weit gewordenen dunklen Anzug getauscht, hatte gepackt, sich angezogen ins Bett gelegt und auf ihre Mutter gewartet. Und als sie dann ins Zimmer gekommen waren, hatte er nur kurz die Augen