: Terry Pratchett
: Die dunkle Seite der Sonne Roman
: Piper Verlag
: 9783492959797
: 1
: CHF 9.90
:
: Science Fiction, Fantasy
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der reiche Erbe Dom Sabalos hat eigentlich alles, was man sich wünschen kann: einen vorlauten Roboterdiener, einen verqueren Sicherheitschef und einen eigenen Planeten. Doch die Zukunft hält, vorhergesagt durch Wahrscheinlichkeitsrechnung, noch etwas viel Absurderes für Dom bereit - er wird ermordet werden und sich danach auf eine Reise zur »dunklen Seite der Sonne« begeben. Doch alles geht schief, und das Schicksal hat sich überdies verrechnet ... - Ein herrlich chaotischer Roman des berühmten »Scheibenwelt«-Schöpfers!

Terry Pratchett, geboren 1948 in Beaconsfield, England, erfand in den Achtzigerjahren eine ungemein flache Welt, die auf dem Rücken von vier Elefanten und einer Riesenschildkröte ruht, und hatte damit einen schier unglaublichen Erfolg: Ein Prozent aller in Großbritannien verkauften Bücher sind Scheibenweltromane. Jeder achte Deutsche besitzt ein Pratchett-Buch. Bei Piper liegen der erste Scheibenweltroman »Die Farben der Magie« sowie die frühen Bände um Rincewind, Gevatter Tod, die Hexen und die Wachen vor - Meisterwerke, die unter den Fans einhellig als nach wie vor unerreicht gelten. Terry Pratchett erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den »World Fantasy Lifetime Achievement Award« 2010. Zuletzt lebte der Autor in einem Anwesen in Broad Chalke in der Grafschaft Wiltshire, wo er am 12. März 2015 verstarb.

KAPITEL 1

»Schlicht und einfach voraussagen.«

Charles Sub-Lunar.

Aus:Die Lichter am Himmel

sind kleine Scheinwerfer.

IM ZODIAKALLICHT WEHTE ein warmer Wind aus dem Osten, ließ trockenes Schilf erzittern.

Der Sumpfnebel zerfaserte in fransige Streifen, löste sich allmählich auf. Kleine, nachtaktive Geschöpfe krochen hastig in den Schlamm. In der Ferne, verborgen im verschnörkelt wirkenden Dunst, hallte der Schrei eines Vogelsüber die schwimmenden Riedfelder.

Auf einem der großen Seen in der Nähe des offenen Meeres hißten drei kleine weiße Windschalen ihre zarten Segel, nahmen Kurs auf die heranrollenden Brandungswellen.

Dom wartete dicht hinter den Brechern, zwei Meter unter der wogenden Oberfläche. Dünne Luftblasen lösten sich aus seinem Kiemenbündel. Er hörte die Schalen, bevor er sie sah: Das von ihnen verursachte Geräusch klang so, als kratzten Schlittschuheüber fernes Eis.

Er lächelte schief und wußte, daß er nur eine Chance hatte. Einige der dünnen Schweifranken konnten innerhalb weniger Sekunden töten, und wenn er nicht achtgab, gab es keine zweite Gelegenheit. Er spannte die Muskeln, stieß sich ab.

Und sauste nach oben.

Die Schale erbebte heftig, als Dom den stumpfen Bug packte, die Beine herumschwang, um den grünen, blattähnlichen Strukturen auszuweichen. Die Welt reduzierte sich plötzlich auf kalten, nach Salz schmeckenden Schaum, der ihn mit einer weißen Blase umhüllte. Winzige, silbrige Fische glitten pfeilschnell an Dom vorbei, und einen Atemzug später lag er quer auf der Hülle.

Die Windschale tobte, holte immer wieder mit dem knöchernen Mast aus und schlug zu. Dom beobachtete die zuckenden Bewegungen eine Zeitlang, schnappte nach Luft und schob sich langsam zu dem großen, kalkfarbenen Buckel am Mastfuß.

Ein Schatten rasteüber ihn hinweg, Dom rollte sich zur Seite und sah, wie der Mast eine Delle im Rumpf hinterließ. Als der Holm wieder zurückschwang, griff er danach, fand den Nervenknoten und richtete sich auf.

Seine Finger ertasteten die richtige Stelle,übten Druck aus.

Die Windschale beendete ihren wilden Tanzüber den Wellenkronen, prallte mit solcher Wucht aufs Wasser, daß Doms Zähne klapperten. Das Segel vibrierte unsicher.

Dom strich zärtlichüber das Nervenkonglomerat, um die Schale zu beruhigen. Nach einer Weile stand er auf.

Das gehörte zum Ritual: Man mußte sich erheben, um den Sieg zu demonstrieren. Die besten Dagon-Fischer steuerten Windschalen allein mit den Zehenspitzen. Dom beneidete sie, er erinnerte sich daran, daß er sie an Feiertagen von der Familienbarkasse aus beobachtet hatte: zwei- oder gar dreihundert Fischer, die Seite an Seite auf ihren halbzahmen Windschalen zurückkehrten, während die purpurne Sonne Achguckmal im Meer versank. Manche der jüngeren Männer tanzten auf den Rümpfen, sprangen und drehten sich um die eigene Achse, warfen Fackeln– und hielten ihre lebenden Gefährte die ganze Zeitüber wie problemlos unter Kontrolle.

Dom kniete vor dem Nervenknoten, lenkte die große Semipflanze durch die schmalen und kurvenreichen Kanäle des Sumpfes, vorbei an Seerosenkolonien und dahintreibenden Schilfinseln. Auf einigen davon sah er blaue Flamingos, die bei seinem Anblick zischten und stolz davonstakten.

Ab und zu hob Dom den Kopf, blickte gen Norden und hielt nach verräterischen Punkten am Himmel Ausschau. Korodore würde ihn schließlich finden, aber Dom vertraute darauf, daß er ihn nicht gleich abholte. Vermutlich beschränkte er sich darauf, Dom einige Stunden lang zu beobachten– immerhin war auch Korodore einmal jung gewesen. Ja, selbst er. Im Gegensatz zu Doms Großmutter, die den Eindruck erweckte, als sei sie schon als Achtzigjährige zur Welt gekommen.

Außerdem dachte Korodore bestimmt daran, daß Dom am nächsten Tag die Ernennung zum Vorsitzenden erwartete, womit er in rechtlicher Hinsicht zu seinem Chef wurde. Was jedoch wahrscheinlichüberhaupt nichts an seinem Verhaltenänderte. Für den alten Korodore kam die Pflicht immer an erster Stelle; Schwierigkeiten und Probleme waren das Salz in der Suppe seines Lebens.

Dom lächelte zufrieden, während die Windschale mit anmutiger Eleganz durchs ruhige Wasser glitt. Wenigstens hatten die Fischer keinen Grund, ihn Schwanzhand zu schimpfen– obgleich ihm nach wie vor der Status als anerkannte Grünhand fehlte. Die letzte und entscheidende Prüfungszeremonie der Dagon-Fischer fand auf dem Meer statt, während einer vom Mondschein erhellten Nacht… wenn die Dagone mit weit aufgerissenen, rasiermesserscharfen Muschelmäulern aus der Tiefe emporstiegen.

Mit einem sanften Ruck stieß die Windschale an eine Schilfinsel. Dom sprang leichtfüßig an Land, ließ sein Gefährt in der Lagune treiben.

Der Joker-Turm, auffallendstes Merkmal des westlichen Horizonts, ragte direkt vor ihm in die Höhe. Dom lief darauf zu.

Achguckmal ging auf und tauchte die schlanke Pyramide in einen rosafarbenen Schein. Der Nebel verzog sich, gab die Basis des gewaltigen Bauwerks frei, doch die Spitze verlor sich in den ewigen Wolken, fast acht Kilometerüber dem Meer. Dom bahnte sich einen Weg durch das trockene, spröde Riedgras, stoppte erst einen Meter vor der glatten, milchweißen Wand.

Vorsichtig streckte er die Hand aus.