: William Shakespeare
: Othello
: Henricus - Edition Deutsche Klassik
: 9783847800293
: 1
: CHF 2.20
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: Dramatik
: German
: 108
: DRM
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: ePUB
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Herausgegeben von Anselm Schlösser. Berlin: Aufbau, 1975. Erstmals ins Deutsche übersetzt von Christoph Martin Wieland (1766). Die vorliegende Übersetzung stammt von Wolf Graf Baudissin. Erstdruck in: Shakspeare's dramatische Werke. Übersetzt von August Wilhelm Schlegel. Ergänzt und erläutert von Ludwig Tieck, Bd. 8, Berlin (Georg Andreas Reimer) 1832.

Erster Aufzug


Erste Szene

Venedig. Eine Straße.

 

Es treten auf Rodrigo und Jago.

 

RODRIGO.

Sag mir nur nichts,– denn damit kränkst du mich,

Daß, Jago, du, der meine Börse führte,

Als wär' sie dein–, die Sache schon gewußt.

JAGO.

Ihr hört ja nicht!–

Hab' ich mir je davon was träumen lassen,

Verabscheut mich!

RODRIGO.

Du hast mir stets gesagt, du hassest ihn!

JAGO.

Verachte mich, wenn's nicht so ist!

Drei Mächtige aus dieser Stadt, persönlich

Bemüht, zu seinem Leutnant mich zu machen,

Hofierten ihm: und, auf Soldatenwort,

Ich kenne meinen Preis–, das kommt mir zu.

Doch er, verliebt in seinen Stolz und Dünkel,

Weicht ihnen aus, mit Schwulst, weit hergeholt,

Den er staffiert mit grausen Kriegssentenzen,

Und, kurz und gut,

Schlägt's meinen Gönnern ab: denn»traun«,– so spricht er–

»Ernannt schon hab' ich meinen Offizier.«

Und wer ist dieser?

Seht mir! ein gar ausbünd'ger Rechenmeister,

Ein Michael Cassio, ein Florentiner,

Ein Wicht, zum schmucken Weibe fast versündigt,

Der niemals eine Schar ins Feld geführt,

Noch von der Heeresordnung mehr versteht

Als Jüngferchen; nur Büchertheorie,

Von der in seiner Toga wohl ein Ratsherr

So weislich spricht, als er– all seine Kriegskunst

Geschwätz, nicht Praxis–, der nun wird erwählt;

Und ich, von dem sein Auge Proben sah

Zu Rhodus, Cypern und auf anderm Boden,

Christlich und heidnisch, komm' um Wind und Flut

Durch solchen Rechenknecht, solch Einmaleins;

Der, wohl bekomm's ihm, muß sein Leutnant sein,

Und ich– Gott besser's!– seiner Mohrschaft Fähndrich.

RODRIGO.

Bei Gott! sein Henker würd' ich lieber sein!–

JAGO.

Da hilft nichts für; das ist der Fluch des Dienstes.

Beförd'rung geht Euch nach Empfehl' und Gunst,

Nicht nach eh'mal'gem Rang, wo jeder zweite

Den Platz des Vormanns erbt. Urteilt nun selbst,

Ob mich wohl irgend Recht und Dank verpflichtet,

Zu lieben diesen Mohren.

RODRIGO.

So dient' ich ihm auch nicht.

JAGO.

Oh, seid ganz ruhig!

Ich dien' ihm, um mir's einzubringen; ei, wir können

Nicht alle Herrn sein, nicht kann jeder Herr

Getreue Diener haben. Seht Ihr doch

So manchen pflicht'gen, kniegebeugten Schuft,

Der, ganz verliebt in seine Sklavenfessel,

Ausharrt, recht wie die Esel seines Herrn,

Ums Heu, und wird im Alter fortgejagt.–

Peitscht mir solch redlich Volk! Dann gibt es andre,

Die, ausstaffiert mit Blick und Form der Demut,

Ein Herz bewahren, das nur sich bedenkt;

Die nur Scheindienste liefern ihren Obern,

Durch sie gedeihn und, wann ihr Pelz gefüttert,

Sich selbst Gebieter sind. Die Burschen haben Witz,

Und dieser Zunft zu folgen ist mein Stolz.

Denn, Freund,

's ist so gewiß, als Ihr Rodrigo heißt,

Wär' ich der Mohr, nicht möcht' ich Jago sein.

Wenn ich ihm diene, dien' ich nur mir selbst;

Der Himmel weiß es! nicht aus Lieb' und Pflicht,

Nein, nur zum Schein, für meinen eignen Zweck:

Denn wenn meinäußres Tun je offenbart

Des Herzens angeborne Art und Neigung

In Haltung und Gebärde, dann alsbald

Will ich mein Herz an meinemÄrmel tragen

Als Fraß für Kräh'n. Ich bin nicht, was ich bin!–

RODRIGO.

Welch reiches Glück fällt dem Dickmäul'gen zu,

Wenn ihm der Streich gelingt!–

JAGO.

Ruft auf den Vater,

Hetzt den ihm nach; vergiftet