: Jakob Ejersbo
: Exil Roman
: btb Verlag
: 9783641074975
: 1
: CHF 6.20
:
: Erzählende Literatur
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein Roman unter Strom: wüst, wild, hungrig nach Leben

Die junge Samatha ist gebürtige Engländerin und lebt seit ihrem dritten Lebensjahr in Tansania. Auf ihren Vater – ein ehemaliger britischer Elitesoldat, der sich als Söldner verdingt und Waffen schmuggelt – ist kein Verlass, die alkoholabhängige Mutter verlässt die Familie schon bald in Richtung Europa. Kein Wunder, dass Samantha sich im Internationalen Internat in Moshi am Kilimandscharo einsam und verloren fühlt. Ein wenig Halt findet sie allenfalls in ihrem dänischen Mitschüler Christian, aber auch dieser kann sie nicht abhalten von ihrem selbstzerstörerischen Furor, in den sie sich bald bedingungslos stürzt.

Jakob Ejersbo (1968-2008) wuchs in Dänemark und Tansania auf, wo seine Eltern als Entwicklungshelfer arbeiteten. Bereits mit seinem ersten Roman Nordkraft (2002), für den er den Dänischen Buchpreis erhielt, gelang ihm in Dänemark der Durchbruch. Sein wilder, anarchistischer Stil begeisterte Kritiker wie Publikum. Seine große Afrika-Trilogie Liberty, Exil und Revolution war 2009 die literarische Sensation des Jahres in seinem Heimatland. Er bekam dafür posthum den Großen Preis des Dänischen Rundfunks verliehen, die Bücher standen wochenlang auf Platz 1 der Bestsellerliste.

Blaues Silber


Wenn ich mich mit den Schwimmflossen über den Sandboden bewege, sieht die Wasseroberfläche anderthalb Meter über mir aus wie lebendiges blaues Silber. Ich drehe mich auf den Rücken und betrachte durch meine Taucherbrille die glänzende Unterseite der kleinen Wellen. Sobald ich näher komme, fliehen die winzigen Fische leise in die Korallen auf dem Meeresboden. Es ist vorbei. Die Sommerferien sind zu Ende. Wir müssen meine große Schwester Alison zum Kilimandscharo Flughafen bringen – sie fliegt nach England. In wenigen Tagen muss ich wieder ins Internat, ohne Alison. Ich schwimme zur Oberfläche und atme tief ein. Die Welt ist laut. Ich ziehe die Taucherbrille ab und blinzele ins Wasser. Salzwasser – man sieht nicht, dass ich geweint habe.

Ich gehe die Böschung hinauf. Im Baobab Hotel ist kein Laut zu hören – weder im Hauptgebäude mit der Rezeption und dem Restaurant, noch in den Bungalows, die zwischen den Baobab-Bäumen stehen. Viele Gäste haben wir nicht. Alison packt. Sie soll bei der Schwester meines Vaters wohnen, ein halbes Jahr auf eine Hotelfachschule in Birmingham gehen und dann ein Praktikum in einem Hotel antreten. Ich lehne mich an den Türrahmen ihres Zimmers.

»Willst du mich wirklich mit den Alten allein lassen?«

»Ja«, antwortet sie.

»Sie bringen mich um«, sage ich.

»Ich muss etwas lernen«, entgegnet Alison. Vater läuft über den Flur. Ich blicke ihm nach.

»Seit drei Jahren habe ich England nicht mehr gesehen. Und wir wohnen hier jetzt schon zwölf Jahre – ich werde als Tanzanierin enden«, rufe ich ihm hinterher. Er reagiert nicht.

»Du kommst schon noch nach England«, sagt er schließlich, ohne sich umzudrehen.

»Scheiße, ich will aber jetzt«, sage ich. Vater bleibt stehen, sieht mich an.

»Jetzt beruhigst du dich erst einmal«, sagt er. »Außerdem habe ich gesagt, du sollst zu Hause nicht fluchen. Du kannst Alison nächstes Jahr besuchen.«

Aufbruch


Mutter serviert zum Abendessen Hummer, hinterher macht Alison Crêpe Suzette, die sie mit Cointreau am Tisch flambiert.

»Jetzt verlässt die Erste das Nest, Missis Richards«, sagt Vater.

»Ja, das ist traurig«, antwortet Mutter und lächelt – ein leichter Schauder scheint ihr über den Rücken zu laufen.

Alison legt mir den Arm um die Schulter.

»Ich hoffe, sie benehmen sich, wenn ich fort bin«, sagt sie.

»Wer?«, will Vater wissen.

»Ihr«, antwortet Alison.

»Glücklicherweise bin ich ja die meiste Zeit in der Schule«, sage ich.

»So schlimm sind wir nun auch wieder nicht«, meint Vater. Ich zupfe ihm die Zigarette aus der Hand und nehme einen Zug.

»Samantha!«, sagt Mutter scharf.

»Ach, lass sie doch«, entgegnet V