2. Eltern sind Menschen, keine Gottheiten
Wenn aus Menschen Eltern werden, geschieht etwas Seltsames und Bedauerliches. Sie übernehmen eine Funktion oder spielen eine Rolle und vergessen, dass sie Menschen sind. Jetzt, da sie das heilige Reich der Elternschaft betreten haben, glauben sie, sich den »Elternmantel« umlegen zu müssen. Sie versuchen nun, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten, weil sie glauben, »dass sich Eltern so verhalten sollen«. Frank und Helen Müller, zwei menschliche Wesen, werden unvermittelt in Herrn und Frau Müller, Eltern, verwandelt.
Diese Transformation – das Übernehmen einer Rolle – ist schwerwiegend und bedauerlich, denn sie geschieht so oft bei Vätern und Müttern, die vergessen, dass sie noch Menschen mit menschlichen Fehlern, Personen mit persönlichen Unzulänglichkeiten,wirkliche Menschen mit wirklichen Empfindungen sind. Indem sie die Realität ihres eigenen Menschseins vergessen, hören Menschen, wenn sie Eltern werden, häufig auf, menschlich zu sein – womit ich ausdrücklichkeine Abstraktion meine. Sie fühlen sich nicht mehr frei, sie selbst zu sein, gleichgültig, was sie in verschiedenen Augenblicken empfinden mögen. »Als Eltern« haben sie jetzt die Verpflichtung, irgendetwas Besseres zu sein als »bloße« Menschen.
Diese furchtbare Last der Verantwortung bringt für die zu Eltern gewordenen Menschen eine Herausforderung mit sich. Sie glauben, sie müssten in ihren Gefühlen immer konsequent sein, müssten ihre Kinder stets lieben, müssten bedingungslos annehmend und tolerant sein, müssten ihre eigenen, egoistischen Bedürfnisse beiseiteschieben und ihrem Nachwuchs Opfer bringen, müssten allzeit gerecht sein und dürften vor allem nicht die Fehler begehen, die ihre Eltern bei ihnen machten.
Obgleich diese guten Absichten verständlich und bewundernswert sind, verleihen sie Vätern und Müttern meist weniger anstatt mehr Effektivität. Sein Menschsein zu vergessen ist der erste schwerwiegende Fehler, den man am Beginn der Elternschaft machen kann. Eltern, die sich dieses »Rollenverhalten« bewusst gemacht haben, erlauben es sich, Menschen zu sein – wirkliche Menschen. Kinder erkennen diese Qualität der Echtheit und des Menschseins bei ihren Eltern in hohem Maße an. Sie drücken sich oft so aus: »Mein Vater ist einechter Kumpel« oder »Meine Mutter ist ein netterMensch«. Wenn sie ins Jugendalter kommen, sagen Kinder manchmal: »Meine Eltern sind für mich mehr Freunde als Eltern. Sie sind prima Leute. Sie haben Fehler wie alle anderen, aber ich mag sie, wie sie sind.«
Was sagen diese Kinder damit aus? Ziemlich offensichtlich gefällt es ihnen, wenn ihre Eltern Menschen und keine Gottheiten sind. Sie reagieren positiv auf sie als Menschen, nicht als Schauspieler, die eine Rolle verkörpern und vorgeben, etwas zu sein, was sie nicht sind.
Wie können Väter und Mütter für ihre Kinder Menschensein? Wie können sie die Qualität der Echtheit in ihrer Elternschaft bewahren? In diesem Kapitel möchten wir den Eltern zeigen, dass sie ihr Menschsein nicht abzulegen brauchen, um ein »ausgebildeter« Elternteil zu sein. Sie können sich selbst als einen Menschen akzeptieren, der Kindern gegenüber sowohl positive als auch negative Empfindungen hat. Es bedarf nicht einmal überstarker Konsequenz, um ein solcher Elternteil zu sein. Sie müssen nicht vorgeben, einem Kind gegenüber annehmend und liebevoll zu empfinden, wenn Sie es in Wahrheit nicht tun. Sie brauchen auch nicht allen Kindern gegenüber die gleiche Liebe und Annahme zu empfinden. Und schließlich, Sie und Ihr Ehepartner müssen keine gemeinsame Front im Umgang mit Ihren Kindern bilden. Aber es ist wesentlich, dass Sie lernen, sich darüber klar zu sein, was Sie wirkl