Die Buchwanderer
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Britta Röder
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Die Buchwanderer
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Acabus Verlag
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9783862821174
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1
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CHF 8.90
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Erzählende Literatur
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German
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209
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Wasserzeichen/DRM
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PC/MAC/eReader/Tablet
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PDF/ePUB
Ein Blick auf die schöne Unbekannte und schon hat Ron die Verabredung mit seinem Cousin Magus vergessen und folgt ihr durch die Stadt. Doch in der Bibliothek verliert er ihre Spur - oder hat sie ihm mit Shakespeares 'Romeo und Julia' eine Botschaft zuspielen wollen? Sofort beginnt Ron mit der Lektüre und findet sich im selben Augenblick mitten in Verona wieder ... Was wie eine romantische Liebesgeschichte beginnt, wird nicht nur für Ron zu einer literarischen Reise durch die Weltliteratur - von Verona in das Russland Puschkins, wo Ron plötzlich nicht mehr nur eine Randfigur ist, sondern in die Rolle Eugen Onegins schlüpfen muss - und weiter zu Cervantes 'Don Quijote'. Schon bald bemerkt Ron, dass er nicht der einzige Wanderer zwischen den Bücherwelten ist. Doch der Ausweg bleibt verschlossen und die Ereignisse mysteriös. Ist die schöne Rosalia der Schlüssel zu diesem Geheimnis? Und welche Rolle spielt der heimlich in seine Nachbarin Charlotte verliebte Magus, der die eigenen Gefühle stets hinter seiner Kunst versteckt? Immer fließender werden die Grenzen zwischen Lesen und Erleben. Und immer stärker rückt die existentielle Frage in den Vordergrund, wo zwischen Realität und Fiktion jeder einzelne seine eigene Wirklichkeit (er-)findet.
Britta Röder studierte Literatur- und Sprachwissenschaften in Mainz und Dijon. Sie arbeitet für einen großen Fach-Verlag in Frankfurt am Main und lebt mit ihrer Familie im südhessischen Ried. Im Spannungsfeld zwischen Stadt und Land schreibt sie ihre Texte. Sie engagiert sich ehrenamtlich für die Riedbuchmesse in Stockstadt am Rhein und schreibt gelegentlich Kolumnen für ein regionales Stadtmagazin.
Teil III: Kastilien, La Mancha
(S. 145-146)
1
Durch die braungelbe Weite der hochsommerlichen Mancha zogen zwei einsame Reiter ihre staubige Spur. Die trockene Hitze hatte jeden Rest von grünem Leben aus dem Boden gebrannt. Erschöpft und schlaff lagen Felder und Wiesen, müde und mürrisch gaben sich die Menschen, die nur selten die karge Einsamkeit durchquerten. Das gnadenlose Weiß des sonnendurchglühten Himmels schmerzte die Augen und zwang jeden dazu, den Blick demütig zu senken. Wie zwei fromme Pilger hielten auch die beiden Reiter auf ihren Maultieren die Köpfte geneigt, in ungespielter Ehrfurcht vor der gleißenden Allmacht eines sengenden Himmels, die ihnen nun bereits seit Stunden in dieser stummen Einöde zusetzte.
„Cervantes“, murmelte Magus genervt.„Ausgerechnet Cervantes. Diese Hitze! Diese Einöde! Wenn schon Spanien, warum dann nicht wenigstens die Costa Blanca? Ein luftiger Strandort am Mittelmeer unter Palmen mit einigen Bars. Kühle Cervezas. Tapas. Meinetwegen auch mit schwachsinnigen Touristen. Aber Cervantes! Mein Gott, das Zeitalter der Inquisition. Dieser Rückschritt. Und dann diese endlose Reiterei. Und wieso Maultiere? Mir scheint’s, als kämen wirüberhaupt nicht von der Stelle. Dies hier ist wahrhaftig ein Ort, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will.“
Rons Antwort war mürrisches Schweigen. Es gab in der Tat genauso viele Gründe seinem Cousin zuzustimmen wie ihm zu widersprechen. Beides würde ihn nur wertvolle Energie kosten und war daher völlig nutzlos. Sie waren nun einmal hier und solange sie nicht gefunden hatten, wonach sie suchten, wollte keinerüber einen Ausweg nachdenken. Schweigend setzten sie ihren Weg fort, denn Sprechen bedeutete den Mund zuöffnen und Staub hineinzulassen, bedeutete Speichelflüssigkeit zu verlieren, bedeutete Kraft zu vergeuden, die man dringend brauchte, um zur nächsten Herberge zu gelangen, zum nächsten Brunnen, zur nächsten schattigen, kühlen Raststatt.
Die einschläfernde Eintönigkeit der Maultierbewegungen, die trockene Farblosigkeit der sich immer weiter vor ihnen ausdehnenden Einöde, der monotone Tagesablauf, der morgens mit dem steifen Aufsteigen in den Sattel begann und abends mit dem wunden Absteigen endete, hatte ihnen inzwischen jedwedes Zeitgefühl genommen. Weder Magus noch Ron hätten sagen können, wie lange sie so bereits unterwegs waren. Die ihnen vertraute Definition von Zeit hatte in dieser Umgebung keine Bedeutung. Nichts von dem, was ihr bisheriges Leben definierte, hatte in dieser Umgebung eine Bedeutung.
Allein die Suche nach Rosalia war ihre Rechtfertigung hier zu sein. Doch hatten sie bisher noch nicht einmal die geringste Spur von ihr entdeckt. Stumm hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. Doch den Wunsch, zu einem schnellen und guten Ende dieser Episode zu gelangen, hegten sie beide gleichermaßen. Immerhin konnten sie sich auf ihre Maultiere verlassen, die stoisch voran zockelten. Nichts schien diese Geschöpfte aus der Ruhe zu bringen, am allerwenigsten ihre immer schweigsamer werdenden Reiter, die sich reinäußerlich betrachtet in nichts von den anderen Menschen in dieser Gegend unterschieden. Magus’ anfängliche Befürchtung, sie könnten irgendwie auffallen, hatte sich bald gelegt.Äußerlich gaben sie mit ihren Maultieren ein sehr authentisches Bild ab.
Unermüdlich zogen sie kreuz und quer durch die endlose Landschaft. Unbeirrbar hielt Magus ihr Reisetempo hoch. Die Aussicht, die selbst auferlegte Aufgabe schon bald zu einem guten Schluss zu bringen, verlieh ihm einen bisher ungeahnten Tatendrang. Ron kam dieses Umherwandern ein wenig planlos vor, doch wagte er nicht zu widersprechen, da Magus mit allem Nachdruck versicherte, dass hinter diesem Zickzack-Kurs durchaus eine Absicht stecke.
Teil I: Verona
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Teil II: In der Nähe von Sankt Petersburg
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Teil III: Kastilien, La Mancha
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Ein Brief an die Leser
205
Die Autorin
206