NACHDENKEN
Mom hatte ein Faible für Sprichwörter, Zitate, Mottos. Dauernd klebten an der Küchenwand kleine Erinnerungszettel. Zum Beispiel mit dem WortNACHDENKEN. Ich fand ein mit Reißzwecken befestigtesNACHDENKEN auf einer Pinnwand in ihrer Dunkelkammer. Ich sah eins mit Tesa festgeklebt auf einer Stiftdose, die sie mit einer Collage verziert hatte. Ich fand sogar ein kurzes Merkblatt mit dem Titel
NACHDENKEN auf ihrem Nachttisch. Mom gefiel es,NACHZUDENKEN. In einem Notizbuch hielt sie fest:Ich lese gerade Sogar Cowgirls kriegen mal Bluesvon Tom Robbins. Der Abschnitt über die Ehe stimmt mit den Bemühungen der Frauen nach Erfüllung überein. Ich schreibe das hier auf, um später darüber NACHZUDENKEN … Sie rundete ihren Eintrag mit einem Robbins-Zitat ab:»… und für die meisten armen, dummen, hirngewaschenen Frauen ist die Ehe der Gipfel des Erlebens. Für Männer ist die Ehe eine Frage effizienter Logistik: hier hat er alles, Essen, Bett, Wäsche, Fernsehen … Nachwuchs und kreatürliche Bedürfnisse ordentlich unter einem Dach. … Für eine Frau dagegen ist die Ehe Kapitulation. Die Ehe, das ist, wenn ein Mädchen den Kampf aufgibt … und fortan die wirklich interessanten und wichtigen Aktionen ihrem Ehemann überlässt, der sich vertraglich verpflichtet hat, ›für sie zu sorgen‹ … Frauen leben statistisch länger als Männer, weil sie eigentlich gar nicht gelebt haben.«
Mom liebte es, über das LebenNACHZUDENKEN, vor allem über ihre Erfahrungen als Frau. Und sie schrieb auch gerne darüber.
Mitte der Siebziger, auf Besuch zu Hause, entwickelte ich gerade in Mutters Dunkelkammer ein paar Fotos, die ich von Atlantic City gemacht hatte, als ich etwas entdeckte, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Es war so etwas wie, tja, ein Skizzenbuch. Auf dem Umschlag befand sich eine Collage, die sie aus Familienfotos zusammengestellt hatte, untermalt mit den WortenDer Weg ist das Ziel. Ich nahm es in die Hand und blätterte die Seiten schnell durch. Obwohl sich darin einige aus Schnappschüssen und Zeitungsausschnitten angefertigte Collagen befanden, gab es hauptsächlich seitenweise Text.
Hatte einen produktiven Tag im Hunter’s Bookstore. Wir haben die Kunstbuchabteilung neu sortiert und viele interessante Bände entdeckt, die nach hinten gerutscht waren. Ich bin jetzt seit zwei Wochen angestellt. Ich verdiene 3 Dollar und fünfunddreißig Cent in der Stunde. Heute wurde mir die Gesamtsumme von 89 Dollar ausbezahlt.
Das hier war keins von Moms typischen Sammelalben mit den üblichen Servietten aus der Clifton’s Cafeteria, alten Schwarz-Weiß-Fotografien und meinen alles andere als spannenden Zeugnissen. Das hier war ein Tagebuch.
In einem Eintrag, datiert auf den 2. August 1976, hieß es:ACHTUNG, DIESE SEITE HAT’S IN SICH! Für das hier, lieber zukünftiger Leser, brauchst du Mut. Ich rede über alles, was mir durch den Kopf geht. Ich bin wütend. Dieser Supermarkt – Jack – Schimpfwörter, die er mir entgegengeschleudert hat –NICHTSdavon vergessen, und genau das ist zweifellos das Hauptproblem – »Du verdammter Scheißkerl« – alles so gesagt – alles so empfunden. Gott, für wen hält er sich bloß?
Danke, das reichte. Das hier war