2. Selbstsorge lernen
Lassen Sie uns ein anderes Beispiel aus dem Seminar „Der Schuld entwachsen“ betrachten. Ein Teilnehmer fühlte sich schuldig, weil er Bedürfnisse hatte. Grundlegende Bedürfnisse, die wir alle teilen, bilden das Kernstück der Gewaltfreien Kommunikation, doch viele Menschen werden dazu erzogen, selbstlos, großzügig und mildtätig gegenüber anderen zu sein. Wenn sie dann die GFK erlernen, werden sie zuweilen von starken Schuldgefühlen geplagt, überhaupt Bedürfnisse zu haben.
Schritt 1: Identifizieren Sie die Schuld
Roger gehörte zu dieser Gruppe. Während unseres Seminars wollte er an den Schuldgefühlen arbeiten, die durch sein neues Bewusstsein, dass er tatsächlich Bedürfnisse hatte, ausgelöst worden waren.
Schritt 2: Benennen Sie die „Sollansprüche“
Darum gebeten, die Vorstellung, dass er keine Bedürfnisse haben sollte, näher zu erläutern, wartete Roger mit zwei Aussagengruppen auf, die miteinander im Widerspruch zu stehen schienen. Die erste Gruppe: „Ich sollte meine Bedürfnisse nicht auf Kosten anderer erfüllen“, „Ich sollte anderen keine Unannehmlichkeiten bereiten oder sie verletzen“ und „Ich sollte meine Talente zum Wohle anderer nutzen“.
Die Aussagen der zweiten Gruppe waren Ausdruck seiner inneren Stimme, die ihm im Gegensatz dazu sagte, er solle für sich selbst eintreten: „Ich sollte meinem Herzen folgen“ und „Ich sollte deutlicher und mutiger äußern, was ich brauche und möchte“. Obendrein kritisierte Roger sich dann noch für seine Verwirrtheit: „Ich sollte in der Lage sein, mehr Klarheit in diese Angelegenheit zu bringen.“
Ich las Roger seine Liste vor, und die Aussage, die ihn am meisten berührte, war: „Ich sollte deutlicher und mutiger äußern, was ich brauche und möchte.“
Schritt 3: Nehmen Sie Kontakt mit den unerfüllten Bedürfnissen auf
Ich lud Roger ein, Kontakt mit seinen unerfüllten Bedürfnissen aufzunehmen, indem ich ihn fragte: „Welche Ihrer Bedürfnisse werden nicht erfüllt, wenn Sie nicht deutlich und mutig äußern, was Sie brauchen und möchten?“
Roger hatte kein Problem zu antworten: „Das nach Anerkennung meines eigenen Gefühls der Authentizität. Ich habe die Verbindung zu meiner Autonomie, Kreativität, meinem Selbstausdruck und meiner Selbstbestimmung verloren. Wenn ich nicht entsprechend meinen Wünschen nach dem, was ich im Leben will, handle, fehlen mir Erfüllung, Freude, Ziele, Sinn und Gerichtetheit. Ich möchte wirklich wachsen, und auch dieses Bedürfnis wird nicht erfüllt. Und wenn ich nicht authentisch bin, wie kann mir dann jemand Empathie oder Verständnis entgegenbringen?“
Schritt 4: Nehmen Sie die mit den unerfüllten Bedürfnissen verbundenen Gefühle wahr
Ich hielt diese Bedürfnisse in Form einer Liste fest und sagte: „Ich werde Ihnen Ihre Liste jetzt ganz langsam vorlesen. Zwischen jedem Bedürfnis mache ich eine Pause, damit Sie jedes Wort tief in sich aufnehmen können.“ Wir holten einmal tief Luft, bevor ich fortfuhr: „Akzeptanz, Authentizität. Autonomie, Kreativität, Selbstausdruck und Selbstbestimmung. Erfüllung, Freude, Ziele, Sinn und Gerichtetheit. Wachstum. Empathie und Verständnis. Wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt werden, wie fühlen Sie sich dann?“
Langsam und leise antwortete Roger: „Traurig und müde. Auch zerrissen. Und ängstlich und frustriert.“ Wir hielten kurz inne, damit Roger diese Gefühle auf sich wirken lassen konnte.
Schritt 5: Erkennen Sie die positiven Beweggründe
„Roger“, fuhr ich fort, „ich bin mir ziemlich sicher, dass es einige positive Bedürfnisse gibt, die Sie in dem Muster gefangen halten, der Erfüllung der Bedürfnisse anderer Priorität vor der Erfüllung Ihrer eigenen Bedürfni