DAS VERHÖR
Wieso tue ich das überhaupt?, fragte sich Inquisitor Glokta zum tausendsten Mal, als er den Korridor entlanghinkte. Die Wände waren mit Rauputz überzogen und geweißelt, aber offenkundig schon vor ziemlich langer Zeit. Dem Ort haftete etwas Heruntergekommenes an, und es roch dumpfig. Fenster gab es keine, da dieser Gang tief unter der Erde lag, und die Laternen warfen zähe Schatten in alle Ecken.
Wieso sollte das überhaupt irgendjemand tun wollen? Gloktas Schritte schlugen einen beständigen Rhythmus auf den verdreckten Bodenfliesen. Erst das selbstbewusste Klack seines rechten Absatzes, dann das Klick seines Stocks, und schließlich das endlose Schleifen seines linken Fußes, begleitet von den vertrauten, stechenden Schmerzen in Knöchel, Knie, Hintern und Rücken. Klack, klick, Schmerz. Das war der Rhythmus seines Schritts.
Die dreckige Monotonie des Korridors wurde hin und wieder von einer schweren, mit rostigem Eisen beschlagenen Tür unterbrochen. Einmal glaubte Glokta, einen erstickten Schmerzensschrei hinter einer dieser Türen hervordringen zu hören.Welcher arme Narr wird dort wohl gerade befragt? Welchen Verbrechens ist er wohl schuldig – oder unschuldig? Welche Geheimnisse werden dort enthüllt, welche Lügen offen gelegt, welche Verrätereien aufgedeckt? Er dachte jedoch nicht allzu lange darüber nach. Die Treppe unterbrach seine Gedanken.
Hätte man Glokta die Möglichkeit gegeben, einen Menschen seiner Wahl zu foltern, dann hätte er sich sofort für den Erfinder von Treppen entschieden. Als er noch jung und viel bewundert war, vor seinem Unglück, hatte er sie kaum je wahrgenommen. Er war zwei Stufen auf einmal heruntergesprungen und vergnügt seiner Wege gegangen. Das war vorbei.Sie sind überall. Man kann ohne sie nicht von einem Stockwerk ins andere gelangen. Und abwärts gehen ist noch schlimmer als aufwärts, das machen sich die Leute gar nicht bewusst. Wenn man nach oben steigt, fällt man in der Regel nicht so tief.
Er kannte diese Treppe hier gut. Sechzehn Stufen, aus glattem Stein gehauen, in der Mitte ausgetreten und ein wenig feucht, wie alles hier unten. Es gab kein Geländer oder sonst etwas, an dem man sich hätte festhalten können.Sechzehn Feinde. Eine echte Herausforderung. Glokta hatte eine ganze Weile gebraucht, um die am wenigsten schmerzvolle Art der Treppenbewältigung herauszufinden. Er ging seitwärts wie ein Krebs. Erst der Stock, dann der linke Fuß, dann der rechte, dann folgte ein stärkerer Schmerz als gewöhnlich, wenn nämlich sein ganzes Gewicht auf dem linken Bein lastete, und im Hals setzten anhaltende Stiche ein.Wieso tut es am Hals weh, wenn ich die Treppe hinuntergehe? Trägt mein Hals etwas von meinem Gewicht? Oder wie? Doch der Schmerz war nicht zu leugnen.
Glokta hielt vier Stufen vor dem Ende der Treppe inne. Er hatte sie fast besiegt. Seine Hand zitterte am Knauf seines Stocks, das linke Bein schmerzte wie wild. Mit der Zunge massierte er das Zahnfleisch an der Stelle, wo einmal seine Vorderzähne gewesen waren, dann nahm er einen tiefen Atemzug und tat den nächsten Schritt. Sein Knöchel gab mit einem entsetzlichen Ruck nach, und er stürzte verdreht und schlingernd ins Leere; wie