DIE FEE VOM SCHWARZEN MEER
Warum erzählst du so etwas?, fragt Hatice empört.
Du meinst vom Taxifahrer?
Ja, damit schmierst du doch Butter aufs Brot von Erdoğans Partei!
Butter aufs Brot, der Ausdruck gefällt mir, sage ich, sehe aber, Hatice versucht, die ihr übers Gesicht flammende Empörung zu verbergen, indem sie das Kopftuch abnimmt, sich die Haare aus dem Gesicht streicht und es neu bindet unter ihrem dicken, braunen Zopf.
Jede Woche, wenn Hatice bei mir ist, um meine Wohnung zu putzen, sage ich gegen elf: Hatice meine Fee, jetzt trinken wir Tee!
Und jedes Mal sagt sie, zum Putzen sei sie gekommen, nicht zum Teetrinken.
Pause muss sein, Hatice, deine Arbeit ist schwer, und erst recht heute, bei der Hitze!
Aber, sagt sie dann, dass du, meine Patronin, mit mir sitzt und Tee trinkst – keine der Damen, bei denen ich geputzt habe, schon gar nicht die türkischen, hätte das je getan.
Komm, sage ich und lache ihr zu und mache jedes Mal wieder denselben Scherz: Sogar in deiner Pause benutze ich dich noch zum Türkischsprechen mit mir!
Dann lacht auch sie.
Ich verstehe nicht, dass wir dieses Ritual immer wieder durchspielen müssen. Und sie versteht nicht, obwohl sie oft über ihr Ehefrauen- und Mutterjoch stöhnt, dass ich allein hier lebe, ohne Mann und Kinder. Dass ich auch in Deutschland von dem Mann, der Vater meiner Kinder ist, getrennt bin, sage ich ihr nicht. Später vielleicht werde ich es ihr sagen, wenn ich sicher bin, dass sie mich nicht mehr nur als Europäerin sieht.
Einmal erzählte Hatice, dass sie bei einer Französin geputzt habe, von der sie nicht wisse, wasdie in Istanbul mache. Dabei schaute sie mich an, nahm einen mit zuckersüßem Mandelmus gefüllten Blätterteigkringel, trank einen Schluck Tee hinterher und sagte dann: Aber Männerbesuch hatte sie! Als ich auf dieses Stichwort nicht reagierte, schüttelte Hatice den Kopf, schnalzte mit der Zunge: Eine schlechte Frau! Zu der gehe sie nicht mehr hin. Ömer, ihr Mann, habe es verboten. Und als ich dazu weiter schwieg, sagte sie entschieden: Aber du, du bist ganz anders!
Nun wusste ich Bescheid, was sie sehen will und was nicht. Und so sprechen wir jede Woche, wenn wir zusammensitzen und Tee trinken, über die Freuden und Leiden mit Kindern, Küche undkocam, dem Ehemann. Und jedes Mal, wenn ich ihr zum dritten Mal Tee und Gebäck anbiete, sagt sie, dass sie nicht so viel essen dürfe, sie werde dick und dicker. Wenn du wüsstest, wie hübsch und schlank ich früher war!
Du gefällst mir, so wie du bist!, sage ich dann und finde immer wieder erstaunlich, mit welcher Entschiedenheit sie abwehrt, unverführbar, trotz meines an Nötigung grenzenden Aufdrängens, was, wie ich weiß, zum Ritual gehört; aber später dann, wenn sie gegangen ist, sehe ich, dass sie in der Küche, während sie das Geschirr wusch, offenbar doch weitergenascht hat. Insistiere ich nicht genug? Oder vielleicht packt sie es ein für ihre Kinder, Marzipan und Schokolade aus Deutschland.
Seit neun Jahren lebt Hatice in Istanbul. Zusammen mit ihrem Mann kam sie, jungverheiratet damals, vom Schwarzen Meer, um hier Arbeit zu finden.
Aber, sagt sie, Arbeit finden hier ist sehr, sehr schwer, besonders für uns, die wir vom Dorf kommen. Im Dorf ist das Leben viel besser, die Luft ist gut und das Wasser auch, und im Garten wächst alles, was du willst – fast alle türkischen Gemüse- und Obstnamen habe ich von Hatice während unserer Teepausen gelernt –; in der Stadt gibt es nur Lärm und Gest