„Herrgott“, stöhnte er, „es wird mir fast zu viel! Gib mir Kraft, Kraft!“
Dieser Ruf war ein Gebet, wie es inbrünstiger nicht zum Himmel geschickt werden konnte, und Gott schien Erbarmen zu haben, denn der gewaltige Mann raffte sich zusammen und trat zum zweiten Mal näher. Kaum berührte der Löffel die Lippen der Kranken, so öffnete sie unbewusst den Mund, nahm die Flüssigkeit bis auf den letzten Tropfen und verschluckte sie. Sternau trat zurück, ein tiefer Seufzer hob seine Brust, er legte den Löffel auf den Tisch und faltete die Hände.
„In welcher Weise wird die Medizin jetzt wirken?“, fragte der Staatsanwalt,
„Es wird sich schon in kurzer Zeit zeigen, ob sie überhaupt wirkt“, antwortete Sternau. „In zehn Minuten muss die Kranke einschlafen. Dieser Schlaf wird sehr lange, vielleicht achtundvierzig Stunden dauern, und während dieser Zeit hat das Wichtigste zu geschehen. Der Schlaf darf in keiner Weise unterbrochen werden. Erwacht sie vor der Zeit, so war die Gabe zu schwach und ich habe davon nachzugeben. Tritt Aufregung, Unruhe oder gar Fieber ein, so war die Gabe zu stark und die Kranke wird sterben, wenn ich nicht sofort Gegenvorkehrungen treffe. Es ist überhaupt nicht abzusehen, welche Umstände eintreten können, und ich darf keine Minute lang ihr Lager verlassen. Ich muss bitten, Herr Hauptmann, Tag und Nacht ein gesatteltes Pferd bereitzuhalten, damit ich in jedem Augenblick einen Boten zur Stadt habe, wenn ich eine unvorhergesehene Medizin benötige.“
„Sie brauchen nur zu befehlen, Vetter.“
Die Anwesenden warteten zehn bange Minuten lang. Die Kranke kniete noch immer in ihrer betenden Stellung vor dem Sofa. Da senkte sie langsam das Haupt, ihre Lippen bewegten sich nicht mehr ohne Unterlass, sondern in einzelnen, immer länger werdenden Pausen. Endlich schlossen sich die Augen und die vorher aufrecht knie