Zwerge versetzen Berge
Nach der Geschichte mit Schneewittchen waren ein paar hundert Jahre ins Land gegangen. Die königliche Familie hatte in dieser Zeit das Schloss großzügig ausgebaut, mit einer Zentralheizung und einem geheizten Schwimmbecken im ehemaligen Verlies. Im17. Jahrhundert richtete man einen Postkutschendienst ein, der nach und nach den gesamten Personenverkehr im Land übernahm. Außerdem verdienten Schneewittchens Nachfolger ihr Geld mit einer Kupfermine, mit der Abholzung der angrenzenden Wälder, mit einer kleinen Privatbank, einigen Poststationen und dem Münzmonopol.
Aber Anfang des21. Jahrhunderts bekam auch die königliche Familie die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise zu spüren. Prinz Hubertus erinnerte sich an die Berater, die damals seiner – war es seine Urururururururgroßmutter oder gar die Urururururururururgroßmutter gewesen? – Ahnfrau geholfen hatten. Als er das seinem Wirtschaftsprüfer erzählte, lachte der nur: »Aber Hoheit, das ist doch nur ein Märchen.«
»Unsinn, Märchen! Ohne die sieben Zwerge würdest du heute nicht hier sitzen und müsstest noch als Steuerberater dein Geld verdienen.«
Der Wirtschaftsprüfer schluckte. »Aber die kleinen Kerle müssen doch längst tot sein. Und soweit ich weiß, gab es keine Zwerginnen. Also werden sie wohl ausgestorben sein.«
Es dauerte etwas, bis der Prinz seinen Wirtschaftsprüfer davon überzeugt hatte, dass Zwerge leicht und locker bis zu700 Jahre alt werden können. Bei gesunder Kost und nicht zu anstrengender Arbeit sogar noch älter.
Also machte sich der Prinz eines Tages auf den Weg zu den sagenhaften sieben Zwergen. Er ging zu Fuß, weil zu dem sagenhaften Ort, der hinter den sieben Bergen lag, keine Straße führte, nicht einmal ein befestigter Wanderweg oder eine Forststraße, die er mit seinem Offroader hätte befahren können. Nach einer Wanderung von drei Tagen hatte er den siebten Berg überwunden und erblickte beim Abstieg schon von weitem ein kleines Häuschen, das dem auf dem Gedenkgemälde seiner Ahnfrau zum Verwechseln ähnelte.
Es war ein niedriges Steinhäuschen, akkurat verputzt und weiß gekalkt, mit kleinen Fenstern und putzigen, rot lackierten Fensterläden. Er klopfte an die Tür, aber niemand öffnete. Wenn er es recht bedachte, war das auch kein Wunder, denn seiner Urururururururururgroßmutter war es damals ähnlich ergangen. Wie hatte sie doch berichtet? Tagsüber arbeiten die Zwerge und kommen erst gegen Abend nach Hause, um zu essen und ins Bett zu gehen.
Der Prinz drückte vorsichtig die Klinke, und tatsächlich – die Tür war nicht verschlossen und öffnete sich. Und weil er ein Gefühl der Vertrautheit und der Verbindung seiner Familie mit diesen Zwergen verspürte, hatte er auch kein schlechtes Gewissen, hier einzutreten.
Alles war so, wie Schneewittchen es berichtet hatte und wie es in dem alten Buch der Familie aufgezeichnet war: Das Zimmerchen mit der langen Tafel, bedeckt mit einem weißen, linnenen Tischtuch, darauf sieben Tellerchen, sieben Becherchen und sieben Löffelchen, dann das Schlafzimmer mit den sieben Bettchen, das Badezimmer mit den sieben Waschbecken und der Schuhschrank, dessen sieben Laden leer standen. Alles war so, wie Königin Schneewittchen es einst in ihren Memoiren beschrieben hatte. Nur eines hatte sie wohl vergessen, oder er hatte die Stelle in ihren Erinnerungen überlesen, dass nämlich im Flur des Häuschens ein großes Bild hing. Es war das einzige Bi