: Corinna Jensen
: Interaktion mit schwerstbehinderten Kindern. Diagnostische Möglichkeiten und praktische Exemplifikation diagnostische Möglichkeiten und praktische Exemplifikation
: Grin Verlag
: 9783638576383
: 1
: CHF 32.80
:
: Sonderpädagogik
: German
: 147
: kein Kopierschutz/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF/ePUB
Diplomarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik, Note: sehr gut (1,3), Technische Universität Dortmund (Rehabilitation und Pädagogik bei Körperbehinderung), Sprache: Deutsch, Abstract: Diese Arbeit hat Interaktion mit schwerstbehinderten Kindern zum Gegenstand. Ausgehend von der Annahme, dass die Kinder die Lautsprache nicht oder nur ansatzweise lernen können, werden Stufen der vorsprachlichen Entwicklung skizziert. Außerdem werden die intuitiven Kompetenzen der Eltern, die es den Kindern erleichtern in den Dialog mit ihnen zu treten, dargestellt. Die diagnostischen Möglichkeiten sind eingeschränkt, weil die Kinder sich (noch) nicht lautsprachlich verständigen können. Bei den persönlichen Praktikums- und Arbeitserfahrungen während meines Studiums stellte sich die Interaktion mit Kindern mit schweren Behinderungen für mich immer wieder als besondere Herausforderung dar. Darüber hinaus stellte ich fest, dass die diagnostischen Möglichkeiten für die betroffenen Kinder sehr begrenzt scheinen. Daraus entwickelten sich einige Fragen für mich: * Welche Anforderungen muss ein diagnostisches Verfahren erfüllen, um ein schwerstbehindertes Kind richtig einschätzen zu können? * Welche Fördermaßnahmen lassen sich aus den diagnostischen Ergebnissen ableiten? * Erleichtern diagnostische Verfahren das 'Verstehen' der Kinder? * Sind umfangreiche diagnostische Verfahren in der alltäglichen Praxis anwendbar? Diese Arbeit stützt sich auf nachfolgende fachwissenschaftliche Begründung: Bisher liegen nur sehr wenige diagnostische Verfahren für den Personenkreis der schwerstbehinderten Kinder vor. Darüber hinaus muss eine Diagnostik für den Personenkreis sich besonderen Anforderungen stellen: 'Kinder mit so geringen Ausdruck- und Antwortmöglichkeiten können nur schwer in ihrer Entwicklung und Persönlichkeit eingeschätzt werden. Wir können Auskünfte über das Befinden über innere Vorstellungen, über Gefühle und Gedanken nicht unmittelbar von den Kindern bekommen.' (FRÖHLICH 2004, S. 3) Es zeigt sich, dass die in der Praxis angewendeten Diagnoseverfahren unzureichend sind, weil in ihnen zu viele Fähigkeiten und Fertigkeiten abgefragt und voraus-gesetzt werden, die ein betroffenes Kind nicht erfüllen kann.

3 Theoretische Überlegungen zur Interaktion


 

3.1 Die Phasen der kindlichen Entwicklung


 

Im folgenden Kapitel gebe ich einen Überblick über die kindlichen Entwicklungsverläufe bis zum ersten Lebensjahr. In Zusammenhang mit der vorliegenden Arbeit soll die Individualität von Entwicklungsverläufen besonders hervorgehoben werden.

 

Die neuere Entwicklungspsychologie betrachtet die Entwicklung des Menschen bis zu seinem gegenwärtigen Lebenszeitpunkt. Ziel ist es, den Menschen in seiner individuellen Situation einzuschätzen. Dabei geht man davon aus, dass alle Erfahrungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens macht, vollständig im Erinnerungsvermögen vorhanden sind.„Die Summe aller sensorischen Erfahrungen, aller kommunikativen Erlebnisse, die Erfahrungen mit dem eigenen Körper, aber auch die mit anderen Menschen, haben uns zu dem gemacht, was wir jeweils sind.“ (vgl. ebd., S. 22)

 

Menschen mit schwersten Behinderungen haben während ihrer Entwicklung die extreme Erfahrung gemacht, dass sie sich im Spannungsfeld zwischen Leben und Tod befunden haben. Auch wegen der Trennungssituationen (von der Mutter, den Eltern) bei langen Krankenhausaufenthalten und einer Vielzahl von Therapien unterscheiden sich die Erlebnisse eines schwerstbehinderten Menschen grundlegend von denen eines gesunden Menschen.

 

LARGO (2005, S. 130) belegt, dass schon in der frühkindlichen Entwicklung die Individualität sichtbar wird. Zur Verdeutlichung beschreibt er die frühe motorische Entwicklung bei Kindern.

 

Bei der Mehrzahl (87 %) der Kinder verläuft die motorische Entwicklung, indem sie über das Drehen zum Kreisrutschen und von dort zum Robben und Kriechen kommen. Danach geht das Kind über zum Vierfüßlergang, anschließend kommt das Aufstehen, bis schließlich das Gehen erlernt wird. Die verblieben 13% der Kinder entwickeln andere Fortbewegungsmöglichkeiten.

 

Dazu gehört das Rutschen auf dem Hosenboden. Unabhängig davon lernen sie ebenfalls ohne Verzögerungen zu gehen. LARGO beschreibt, dass die Vielfalt der individuellen Entwicklung auch an vitalen Prozessen sichtbar wird. So benötigen einige Kinder mehr Schlaf als andere und der tägliche Bedarf an Flüssigkeit kann sich individuell unterscheiden. Die wenigen Beispiele über die individuellen Entwicklungsverläufe zeigen, dass Normvorstellungen über die „normale“ kindliche Entwicklung nur Fehlerwartungen sind, die nichts über die individuellen Bedürfnisse eines Kindes aussagen (vgl. LARGO 2005, S.20).

 

Auch Kinder mit schweren Beeinträchtigungen entwickeln sich sehr variabel. WIECZOREK (2002, S. 20) beschreibt, dass Kinder sich nicht nur inter-individuell unterschiedlich entwickeln, sondern ihre Entwicklung sich auch intra-individuell differenziert.

 

 LARGO (1997, S. 141): „Behinderte Kinder sind als Individuen genauso einmalig wie normal entwickelte Kinder. Behinderte Kinder sind in jedem Entwicklungsbereich untereinander genauso unterschiedlich wie normal entwickelte Kinder.“

 

Nach SARIMSKI (1993, S. 4) verfügt jedes Kind über ein angeborenes Entwicklungsprogramm. Dieses initiiert Verhaltensänderungen und legt den Grad der Empfänglichkeit für soziale Einflüsse fest. Die Entwicklung ist hier ein„Prozess sequentieller Reorganisation“ und nicht bloß die„quantitative Mehrung von Fertigkeiten“. In ihrer frühkindlichen Entwicklung sind Kinder im hohen Maße abhängig von der sozialen Interaktion mit ihren Eltern und weiteren Bezugspersonen. Darum ist die Entwicklung immer gekoppelt an die „dynamische Wechselwirkung“ zwischen dem Kind und seiner Umwelt (vgl. SARIMSKI 1993, S. 4).

 

SARIMSKI beschreibt in diesem Zusammenhang das „sozial-interaktionale“ Entwicklungsmodell. Er bezieht sich auf die Arbeiten von VYGOTSKI (1978), die den sozialen Beitrag der Eltern für die Entwicklung des Kindes einbeziehen. VYGOTSKI definiert Intelligenz als die „Kapazität zum Lernen von Instruktionen“. Dabei werden alle höheren planenden und organisierenden Fähigkeiten eines Kindes zunächst im Kontext sozialer Interaktion erworben und dann als individuelle kognitive Problemlösefähigkeit internalisiert.

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