Die Gewissensfrage in Psychoanalyse und Analytischer Psychologie Neue Untersuchung einer alten Wunde
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Anita von Raffay
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Die Gewissensfrage in Psychoanalyse und Analytischer Psychologie Neue Untersuchung einer alten Wunde
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frommann-holzboog Verlag e.K.
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9783772830167
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Jahrbuch der Psychoanalyse. Beihefte
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1
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CHF 49.60
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Psychoanalyse
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German
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227
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Wasserzeichen/DRM
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PC/MAC/eReader/Tablet
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PDF
Die zwei großen analytischen Traditionen, die Psychoanalyse Sigmund Freuds und die analytische Psychologie C. G. Jungs, haben stark voneinander abweichende Konzepte des Gewissens und der Moral entwickelt. Das vorliegende Buch untersucht diese Entwürfe im Hinblick auf ihre Entstehung, ihre Unterschiede und ihre jeweilige Bedeutung für Theorie und therapeutische Praxis. Darüber hinaus geht die Autorin den Folgen dieser verschiedenen Konzepte bis in die gesellschaftliche und politische Realität hinein nach. Dabei spielt die Auseinandersetzung mit dem Judentum, Antisemitismus und Nationalsozialismus eine wichtige Rolle.
D Reflexionen– ein Vergleich
(S. 175-177)
Die Ethik ist eine Art Fahrordnung für den Verkehr unter den Menschen.
Brief Freuds an O. Pfister
Die Analytische Psychologie unterscheidet sich im Hinblick auf die Moral- und Gewissenstheorie deutlich von der Psychoanalyse. Ich werde die Unterschiede unter folgenden Aspekten darstellen und diskutieren: 1. Das angeborene Gewissen, 2. Die kindliche Gewissensentwicklung, 3. Die Bedeutung der Objektbeziehungen für das Gewissen, 4. Konvention und Moral– gibt es zweierlei Moralsysteme?, 5. Das Konzept des Unbewußten, 6. Romantik und Religiosität, 7. Prophetentum, 8. Die Suche nach dem Selbst, 9. Konflikttheorie, 10. Schuldgefühle, 11. Politische Implikationen, 12. Ziele der Psychotherapie. Wie schon gesagt, stand die Frage nach dem Gewissen nicht so sehr im Mittelpunkt der Theorie der Analytischen Psychologie, wohingegen die Psychoanalyse dieses Thema immer wieder neu aktualisiert hat, nicht zuletzt, weil es sowohl von theoretischem Interesse ist als auch ein wichtiges klinisches Kriterium für Diagnose, Prognose und Behandlung darstellt.
1. Das angeborene Gewissen
Nach allem, was Jung und seine Nachfolgerüber das Gewissen geschrieben haben, wird ersichtlich, daß Gewissen und Moral von ihnen als angeboren angesehen werden, genauso wie der Trieb zur Selbst-Synthese, den Jung als Individuation beschrieben hat. Es wird nicht in Betracht gezogen, daß nur die Fähigkeit, ein moralisches Bewußtsein zu entwickeln, angeboren ist.
Dies hängt einerseits mit der Archetypentheorie zusammen, die angeborene Verhaltensmuster voraussetzt, aber auch mit der Tatsache, daß Jung generell die kindliche Entwicklung in seine Theorien nicht miteinbezogen und die Freudsche Theorie als»reduktiv« verworfen hat. Es wirdübersehen, daß das in der Kindheit»erlernte« Gewissen mit der Zeit durch eigene Ideale, Wertmaßstäbe und Idealisierungen bewunderter 178 Personen heranreift, wodurch eine eigene individuelle Gewissensfunktion entsteht.
Daraus ergibt sich, daß die analytischen Psychologen, um den Unterschied zwischen primitiver und reifer Moral zu erklären, zwei verschiedene Moralsysteme annehmen müssen, ein angeborenes und ein angelerntes, wobei sie ersteres der reifen und letzteres der primitiven Moral zuordnen.
2. Die kindliche Gewissensentwicklung
Die heutigen Analytischen Psychologen haben, Jung darin nachfolgend, die komplizierten Entwicklungsstadien, die das Kind bei der Entstehung des Gewissens durchläuft, nicht im Blickfeld. Viele Kritiker haben das Fehlen der kindlichen Entwicklung in Jungs Werk beanstandet:»Jung ist anscheinend blind für die fastübermenschlichen Anstrengungen, die das Kind aufbringen muß, um zu einem Kompromiß zu kommen zwischen den zwingenden Mächten seiner primitiven Triebe und der wachsenden Härte der Realität«, schreibt Glover (Glover 1950, p. 67,Übersetzung AR. Siehe auch Winnicott 1964, P. Stern 1977, Homans 1979, Satinover 1986, Smith 1996, McLynn 1996 u. a.).
Im heutigen psychologischen und psychoanalytischen Verständnis dagegen entsteht dasÜberich, das eine Objektbeziehungs-Struktur ist, im Dialog des Individuums mitäußeren Objekten und später mit inneren Objektrepräsentanzen (siehe auch den Exkurs»Objektbeziehungen«). Die moderne Objektbeziehungstheorie umfaßt sowohl die Art, wie Individuen sich zu anderen verhalten (interpersonal), als auch das intrapsychische Beziehungssystem. Die ersten internalisierten Beziehungen bilden dementsprechend Teile des kindlichen primitivenÜberichs.
In der analytischen Behandlung werden internalisierte Objektbeziehungen in derÜbertragung / Gegenübertragung zusammen mit den dazugehörigen Affekten reaktiviert, und zwar jeweils mit einer Selbstrepräsentanz und der dazugehörigen Objektrepräsentanz. Durch diese Wiederholung im therapeutischen Setting können primitive Objektbeziehungen und deren Abwehr exploriert und bewußt gemacht werden.
Inhalt
6
Vorwort
10
Vorbemerkung
14
Einleitung
16
A Freud und seine Nachfolger Das Gewissenskonzept in der Psychoanalyse
20
1. Sigmund Freud: Das Überich
22
2. Heinz Hartmann: Psychoanalyse
34
3. Heinz Hartmann und Rudolph Loewenstein: Das Überich
38
4. Edith Jacobson: Stufen der Überichentwicklung
40
5. Annie Reich: Überich und Ichideal
44
6. Roy Schafer: Das Überich ist nicht nur streng
46
7. Joseph und Anne-Marie Sandler: Das unterstützende Überich
49
8. Robert Emde: Das Kind
51
9. Melanie Klein: Archaische Ursprünge des Überichs
53
10. Donald W. Winnicott: Besorgnis
60
11. Roger Money-Kyrle: Selbsterkenntnis und Freiheit
62
12. John Steiner: Die Schuld des Ödipus
65
13. Eric Rayner: Gerechtigkeit
70
14. André Green: Das Böse
73
15. Daniel Lagache: Ichideal und Idealich
77
16. Janine Chasseguet-Smirgel: Das Ichideal
80
17. Otto F. Kernberg: Überich-Pathologien und die Funktion des Überichs in Paarbeziehungen und in Gruppen
84
18. Exkurs: Objektbeziehungen – Entstehung und Bedeutung
90
B C.G. Jung und seine Nachfolger Das Gewissenskonzept in der Analytischen Psychologie
94
1. C.G. Jung: Das Gewissen
96
2. Moraltheorien von Jungs Nachfolgern
122
2.1 Erich Neumann: Ethik
122
2.2 Murray Stein: Solare und Lunare Moral
127
2.3 John Beebe: Integrität
132
2.4 Andrew Samuels: Zwei Arten von Moral
136
C Das Überich in literarischen Beispielen
142
1. Eugene O’Neill: Der Eismann kommt
144
2. Hugo von Hofmannsthal: Der Schwierige
150
3. Henrik Ibsen: Ein Volksfeind
160
4. Thomas Bernhard: Vor dem Ruhestand
167
D Reflexionen – ein Vergleich
176
1. Das angeborene Gewissen
178
2. Die kindliche Gewissensentwicklung
179
3. Die Bedeutung der Objektbeziehungen für das Gewissen
180
4. Konvention und Moral – gibt es zweierlei Moralsysteme?
181
5. Das Konzept des Unbewußten
185
6. Romantik und Religiosität
188
7. Prophetentum
191
8. Die Suche nach dem Selbst
194
9. Konflikttheorie
196
10. Schuldgefühle
199
11. Politische Implikationen
200
12. Ziele der Psychotherapie
202
13. Abschließende Gedanken: Aufbruch oder Rückkehr – Verantwortung oder Erlösung
207
Literatur
211
Namenregister
223
Sachregister
225