Die sadomasochistische Perversion
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Franco De Masi
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Helmut Hinz, Claudia Frank, Ludger M. Hermanns, Elfriede Löchel
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Die sadomasochistische Perversion
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frommann-holzboog Verlag e.K.
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9783772830174
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Jahrbuch der Psychoanalyse. Beihefte
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1
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CHF 51.40
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Psychoanalyse
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German
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208
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Wasserzeichen/DRM
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PC/MAC/eReader/Tablet
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PDF
Franco De Masi, Psychoanalytiker und Supervisor der Italienischen Psychoanalytischen Gesellschaft, ist bekannt für seine Forschungen zu psychotischen Phänomenen. Sein hier vorgelegtes Buch zur Perversion gibt zahlreiche Denkanstöße und Orientierungshilfen zum besseren Verständnis der komplexen Vorgänge und des Erlebens bei perversen Beziehungsmomenten und in strukturierten sexuellen Perversionen. De Masi untersucht die Beziehung zwischen Sadomasochismus und anderen psychischen Verfassungen, z.B. Depression, Psychosen und Borderline-Störungen, und erörtert die Natur des Bösen im Licht verschiedener psychoanalytischer Ansätze.
Kapitel 10 Grenzbereiche
(S. 122-123)
Borderline-Strukturen und Formen perverser Abwehr
Ich möchte im folgenden einige Gedanken ausführen, die ich bereits im Zusammenhang mit der Unterscheidung zwischen pervers-zwanghafter Sexualität und strukturierten Perversionen angedeutet habe. Angst und Schrecken– das Vermächtnis der kindlichen Ohnmacht– können bekanntlich als Quelle der Erregung dienen. Charakteristisch für viele Borderline- Patienten ist die merkwürdige Mischung aus Angst, Schrecken und sexueller Erregung, mit der sie das Verfolgungsgefühl und die Angst vor Vernichtung unter Kontrolle zu bringen versuchen.
Im Falle des Borderline-Syndroms– im Grenzbereich zwischen Neurose und Psychose– ist es dem Patienten niemals gelungen, die Verfolgungs- und Vernichtungsängste der frühesten Kindheit zu bewältigen; ihm fehlte die Hilfe eines Objekts, das ihm bei dieser Aufgabe hätte beistehen können. Diese Patienten versuchen oft, mit Hilfe von schreckeneinflößenden Phantasien, zusammen mit der Lektüre gewisser Bücher oder dem Anschauen von Horrorfilmen, die Verfolgungsängste unter Kontrolle zu halten oder zuüberwinden oder sich von ihnen zu kurieren. Die erregende Gratwanderung zwischen bedrohlicher und gebändigter Angst bereitet Lust.
Die so erlangte Lust kann perverser Natur sein, da sie ein gewisses Maß an Erregung durch Grausamkeit einschließt, ohne daß es sich hierbei um eine Perversion im engeren Sinne handeln müßte. Der Borderline-Patient wird also potentiell immer von solchenÄngsten gepeinigt, mit denen er sich unaufhörlich auseinandersetzen muß. Eine der Möglichkeiten für den Umgang mit denÄngsten ist die Sexualisierung, die Lust hervorruft.
Eine derartige Abwehrform kann zu vorübergehenden Kompromissen führen, die die Angst zu neutralisieren vermögen, bringt aber weitere Störungen des seelischen Gleichgewichts mit sich und begünstigt damit das Auftreten psychotischer Zustände.
Typisch für die Borderline-Patienten ist ein Oszillieren der persönlichen Identität und der aggressiven oder unterwürfigen Einstellung. Dadurch sind sie offener für Veränderungen und empfänglicher für Hilfe durch die Psychoanalyse als Personen mit strukturierten Perversionen. Hier einige knappe Falldarstellungen: Ein Analysand macht eine Krise durch, in der sich die Erfahrung kindlicher Angst nach dem Tod seiner Mutter, seiner einzigen positiven Bezugsperson, wiederholt.
In dieser Phase wird der Patient von beängstigenden Bildern gequält, in denen er sich vom Vater bedroht fühlt; er phantasiert eine sexuelle Begegnung mit ihm, bei der er Lust dadurch empfindet, daß er anal penetriert wird. So hält er die Angst, er könne getötet werden, von sich fern. In einem anderen Traum kann er einen Vampir, der ihn verfolgt, um ihm das Gehirn auszusaugen, dadurch besänftigen, daß er ihm seinen Penis anbietet.
Inhalt
6
Vorwort
8
1 Einleitung
34
2 Ein Vorläufer
41
3 Probleme der Terminologie und Definition
44
4 Sadomasochismus und Depression
51
5 Der feminine Masochismus oder der Fall des Wolfsmanns
54
6 Der asketische Masochismus
59
7 Klinische Aspekte der Perversion
64
Perversion und pervers-zwanghafte Sexualität
64
Eine sehr private Fallgeschichte
67
Eine tragische und exemplarische Geschichte
68
8 Theorien der sadomasochistischen Perversion
72
Die Psychosexualität
76
Das erste Paradigma Die psychosexuelle Theorie
77
Aktuelle Triebtheorien
85
Das zweite Paradigma Die relationalen Theorien in der Nachfolge Kohuts und Winnicotts
88
Das dritte Paradigma Kleinianische und postkleinianische Theorien
94
Die Trauma-Hypothese Robert Stollers
97
Einige Überlegungen zum biologischen Aspekt
100
9 Nach den Theorien
105
Die sadomasochistische Phantasie beim Kind
106
Die Rolle der Vorstellungskraft bei der Perversion
108
Die sadomasochistische Monade und die Einheit der Gegensätze
111
Perversion und Sexualisierung
113
Die Natur der sadomasochistischen Lust
119
Die Rolle der Grausamkeit beim Sadomasochismus
120
10 Grenzbereiche
123
Borderline-Strukturen und Formen perverser Abwehr
123
Perversion und Psychose
128
Kriminalität und Perversion
130
11 Kindheitstrauma und Perversion
135
12 Abschließende Bemerkungen zu den drei Paradigmen
142
Die Perversion als Resultat der infantilen Sexualität
146
Die Kontinuität zwischen normaler und perverser Sexualität
148
Die Aggressivität bei der Perversion
150
Neuere Theorien
153
Die Perversion als Akt der Wiederherstellung des Selbst
153
Die Perversion als psychopathologische Organisation
158
13 Zur psychoanalytischen Therapie der Perversionen
162
14 Das Böse und die Lust aus psychoanalytischer Sicht
169
Das Böse
169
Die Lust
172
Die Destruktivität
173
Das unheilbare Böse
175
Regression und seelische Zerstörung
177
Nachwort
181
Literatur
190
Namenregister
200
Sachregister
203