: Håkan Bravinger
: Ein unversöhnliches Herz Roman
: btb Verlag
: 9783641049713
: 1
: CHF 3.60
:
: Erzählende Literatur
: German
: 480
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Sexuelle Neurosen, explosive Gefühle – eine wahre Geschichte aus den Anfängen der Psychoanalyse

Stockholm 1913. Eine innige Hassliebe verbindet die beiden Brüder Poul und Andreas Bjerre. Der eine ein erfolgreicher Psychoanalytiker, dem Kreis um Freud zugehörig, glühender Anhänger von Nietzsche und Verfechter der Heilbarkeit von Neurosen. Der andere, auf seinem Gebiet ebenfalls ein Mann des Fortschritts, Professor für Kriminalpsychologie, Kierkegaard zugewandt, Erforscher menschlicher Abgründe. Obwohl beide die Seele und ihre Verletzungen zum Gegenstand ihrer Forschungen gemacht haben, gelingt es ihnen nicht, ein entspanntes Verhältnis zueinander zu finden. Mehr noch. Je erfolgreicher Poul wird, desto problematischer wird Andreas‘ Lebenssituation. Er kämpft mit Schreibblockaden, sexuelle Zwangsgedanken quälen ihn, immer mehr zweifelt er an sich selbst. Langsam, aber sicher scheint Andreas seinem Untergang entgegenzugehen. Aber es gibt eine Frau, die alles tut, um ihn zu retten. Sie beschließt, Botschaften der Versöhnung zwischen den Brüdern zu überbringen, als Vermittlerin zu fungieren. Zu spät erkennt sie, dass dies auch ihren eigenen Untergang bedeuten könnte ...

Håkan Bravinger, Jahrgang 1968, wurde in Vallentuna, nördlich von Stockholm, geboren. Nach zwei Gedichtsammlungen ist"Ein unversöhnliches Herz" sein erster Roman, der in Schweden für großes Aufsehen und begeisterte Presse sorgte. Er beruht auf wahren Begebenheiten und zeichnet das Leben der beiden verfeindeten Brüder Poul und Andreas Bjerre nach, die eine bedeutende Rolle in der Entwicklung der schwedischen Psychoanalyse bzw. Kriminalpsychologie spielten.
III Die Familie ist versammelt (1913–1914) (S. 137-138)

Angst kann man vergleichen mit Schwindel. Wessen Auge in eine gähnende Tiefe hinunterschaut, dem wird schwindlig. Der Grund seines Schwindels aber ist ebenso sehr sein Auge wie der Abgrund; denn gesetzt, er hätte nicht hinuntergestarrt!

Søren Kierkegaard,

aus Der Begriff der Angst– Eine einfache
psychologisch-hinweisendeÜberlegung in Bezugauf
das dogmatische Problem der Erbsünde

Lieber Bruder


Als du die Augenöffnest, sind deine Kopfschmerzen verschwunden. Du blinzelst mehrmals. Heftig. Das Bild von Mrs d’Espérance ist jetzt fern, so fern wie damals, als dich die Nachricht erreichte, dass sie in Göteborg einen Geschäftsmann namens Fidler geheiratet hatte, vielleicht hieß er auch Friedel. Jedenfalls hatte er sie einige Jahre zuvor als Kassiererin eingestellt. Du setzt die Füße auf den kalten Fußboden und atmest durch die Nase, um sie frei zu bekommen. Nein, trotz des kalten Wetters hast du keinen Schnupfen, es ist nur derübliche Nachtschleim. Du weißt nicht recht, ob du geschlafen oder nur gedöst hast.

Die Schmerzen sind vom Kopf in den Bauch gewandert; du hörst es rumoren. Du findest deine Pantoffeln und schiebst die Füße hinein. An den blässlich weißen Knöcheln treten deutlich die dünnen Venen hervor. Du weißt, dass du den Körper eines alternden Mannes hast, auch wenn du für deine fünfzig Jahre in guter Verfassung bist. Es ist vollkommen still. Du kneifst die Augen zusammen, um auf die Uhr zu sehen, jedoch vergeblich, und tastest nach deiner Brille. Vier Uhr. Du seufzt. Dann lohnt es sich im Grunde nicht mehr, wieder einzuschlafen, du kannst genau so gut aufstehen.

Du gehst zum Fenster und hebst den Vorhang ein klein wenig an. Am liebsten würdest du wieder zu Gunhild hineingehen, aber du beschließt zu warten. Das hat noch Zeit, denkst du. Die Wolken scheinen schnell am dunklen Himmel vorüberzuziehen, der nur vom schwachen Mondlicht erhellt wird. Du zündest eine Kerze an und siehst ihre Flamme im Luftzug vom Fenster flackern. Es ist praktisch unmöglich, eine kalte Novembernacht aus dem Zimmer zu halten, ganz gleich, wie viel Holz du aufs Feuer wirfst. Du ziehst den Nachttopf unter dem Bett hervor, aber obwohl du so dringend pinkeln musst, dass deine Blase kurz vor dem Platzen zu sein scheint, kommen nur wenige Tropfen. Enttäuscht stehst du da und siehst sie Spritzer für Spritzer herabfallen.