: Dirk Bernemann
: Vogelstimmen Menschen mit Vergangenheit könnten auch Menschen mit Zukunft sein...
: U-Line
: 9783866086241
: 1
: CHF 2.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Dirk Bernemanns neuestes Werk über Menschen mit Vergangenheit, die erkennen, dass sie auch Menschen mit Zukunft sein könnten. 'Und ich dachte: ein Frühlingstag. Ja, ja, ja, ein Frühlingstag. Der Mai hat seine Mitte erreicht. Doch was bringt die Mitte eines Mais, wenn es so was wie Vergänglichkeit gibt, wenn man von der Mitte eines Mais schon das Ende eines Novembers erkennen kann?'

Dirk Bernemann, geboren 1975, mittags. Fing mit fünf Jahren an zu schreiben, hörte aber mit 6 Jahren wieder auf. Dann Schuleintritt und Verzweiflung. Wiederaufnahme des Schreibens ca. 1997 in Form von Songtexten für Punkbands, die es nie gab und Tagebüchern. Ein paar Liebesbriefe später wusste er auch, wie es funktioniert. Weniger als 10 Jahre vergingen und es erschien sein erstes Buch, seitdem einen Fuß in der Tür des Literaturbetriebs, die immer wieder zugeschlagen wird. Arme Tür. Armer Fuß. Trotzdem weitermachen, immer wieder. Was er mag: Obstsalat, Weisswein, Bücherstapel. Was er nicht mag: Tod, offene Bäuche, Poetry Slam.

«Mama, ich muss, bis Sonntag.» Und meine Mutter atmete einmal heftig aus, ihr Mund wurde schmal, daraus quoll ein Pfeifton, unbeabsichtigt wahrscheinlich und das musste mir als Antwort genügen. Ich stand auf und beabsichtigte den Raum zu verlassen. Am liebsten schnell, damit es weniger wehtat. So wie man ein Pflaster von einer Wunde abreißt, so gedachte ich zu verschwinden. Dinge, von denen ich wusste, dass in ihnen Schmerzpotential vorhanden war, versuchte ich immer, in überirdischer Geschwindigkeit zu erledigen, weil mich der Schmerz sonst zu Boden gerissen und wie eines seiner typischen Opfer behandelt hätte.

Meine Mutter starrte nach oben. Das Oben starrte zurück, und zwar in unmittelbar gleichförmiger Gelassenheit. Ich ging einige Schritte, das Bild meiner Mutter hatte sich verletzend in mein Bewusstsein geschlängelt, ich hatte diese tristen, grauen, morbiden Momente gespeichert, weil die was von mir wollten, die Momente. Aber das Bedürfnis dieser Momente, die sich in meinen Geist zu schütten gedachten, drang nicht mehr zu mir durch. Aus diesen Momenten bestand dann wohl letztendlich noch meine Mutter.

«Entschuldigung, haben Sie eine Minute?» Eine fette Altenpflegerin, an deren unförmiger Brust die Worte «Frauke Harmsen» und «examinierte Altenpflegerin» auf einem Schild zu lesen waren, passte mich auf dem Flur ab. Sie kam wohl gerade aus dem Zimmer von Frau Bender, aus dem es verzweifelt und vielsagend «wota, wota, äh ...» schallte, und diese Frauke begrüßte mich mit dem Handschlag eines Holzfällers. Ich dachte mir nur so, wenn sie mit dieser Grobmotorik auch Menschen wäscht und pflegt, verstünde ich die Verweigerung der letzten Lebenstage sehr gut. Frauke roch nach Desinfektionsmittel und Eigenschweiß. Eine sehr ungute olfaktorische Kombination.

Ich hatte sie hier schon öfter mal über d