«Mama, ich muss, bis Sonntag.» Und meine Mutter atmete einmal heftig aus, ihr Mund wurde schmal, daraus quoll ein Pfeifton, unbeabsichtigt wahrscheinlich und das musste mir als Antwort genügen. Ich stand auf und beabsichtigte den Raum zu verlassen. Am liebsten schnell, damit es weniger wehtat. So wie man ein Pflaster von einer Wunde abreißt, so gedachte ich zu verschwinden. Dinge, von denen ich wusste, dass in ihnen Schmerzpotential vorhanden war, versuchte ich immer, in überirdischer Geschwindigkeit zu erledigen, weil mich der Schmerz sonst zu Boden gerissen und wie eines seiner typischen Opfer behandelt hätte.
Meine Mutter starrte nach oben. Das Oben starrte zurück, und zwar in unmittelbar gleichförmiger Gelassenheit. Ich ging einige Schritte, das Bild meiner Mutter hatte sich verletzend in mein Bewusstsein geschlängelt, ich hatte diese tristen, grauen, morbiden Momente gespeichert, weil die was von mir wollten, die Momente. Aber das Bedürfnis dieser Momente, die sich in meinen Geist zu schütten gedachten, drang nicht mehr zu mir durch. Aus diesen Momenten bestand dann wohl letztendlich noch meine Mutter.
«Entschuldigung, haben Sie eine Minute?» Eine fette Altenpflegerin, an deren unförmiger Brust die Worte «Frauke Harmsen» und «examinierte Altenpflegerin» auf einem Schild zu lesen waren, passte mich auf dem Flur ab. Sie kam wohl gerade aus dem Zimmer von Frau Bender, aus dem es verzweifelt und vielsagend «wota, wota, äh ...» schallte, und diese Frauke begrüßte mich mit dem Handschlag eines Holzfällers. Ich dachte mir nur so, wenn sie mit dieser Grobmotorik auch Menschen wäscht und pflegt, verstünde ich die Verweigerung der letzten Lebenstage sehr gut. Frauke roch nach Desinfektionsmittel und Eigenschweiß. Eine sehr ungute olfaktorische Kombination.
Ich hatte sie hier schon öfter mal über d