: Torsten Dewi
: Wolfgang Hohlbein
: Das Erbe der Nibelungen Roman
: Heyne Verlag
: 9783641045166
: 1
: CHF 2.70
:
: Fantasy
: German
: 416
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der Mythos lebt weiter

Ein Jahrhundert ist vergangen, seit der Sohn des Drachentöters Siegfried sich den alten Göttern verweigerte und in der Unterwelt Utgard seine Freiheit erkämpfte. Doch die Nibelungen haben nicht vergessen, was Siegfried und sein Blutclan ihnen angetan haben. Ihre schwarzen Herzen schrei en nach Rache. Auf einem Kontinent, der von der Pest erschüttert wird, machen sie Jagd auf Sigfinn und Calder, den letzten Nachfahren Siegfrieds.

Thorsten Dewi, Jahrgang 1968, war lange Jahre als Journalist und TV-Development-Manager tätig, bevor er sich als Autor selbstständig machte. Er hat etliche verfilmte Drehbücher sowie erfolgreiche Romane zu TV-Serien geschrieben.
10 Neue Allianzen (S. 165-166)

GADARIC!« Hurgan schrie aus Leibeskräften, vielleicht zum hundertsten Mal. Seine Wachen hatten sich lange schon aus dem Saal geschlichen, das Tier hinter dem Thron winselte. Hurgan war außer sich. Seinem Berater hatte er unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, was er erwartete. Und nichts war geschehen! Keine Köpfe waren ihm präsentiert worden, keine Feinde lagen wimmernd zu seinen Füßen. Elea war immer noch verschwunden. Fafnir zeigte sich dann und wann, doch in seiner Wut wusste der Herrscher nicht einmal, gegen wen er den Drachen schicken sollte. Und nun hatte ihn auch noch Gadaric im Stich gelassen! Seit Wochen hatte Hurgan ihn nicht mehr gesehen. Die Staatsgeschäfte blieben unerledigt, die Kontrolleüber die Horde entglitt ihm langsam, aber merklich. Wie konnte das sein?

Er hatte einen Pakt geschlossen, der ihm das Reich garantierte. Und er hatte sich immer an seinen Teil der Abmachung gehalten. Die Nibelungen schuldeten ihm den Thron, die Kontrolle, die Ewigkeit! Doch das langsame Schwinden seiner Macht kümmerte den König weniger als das Schwinden seines Verstandes. Er spürte es mit jedem vergehenden Tag. Worte, tausend Mal gesprochen, fielen ihm nicht mehr ein. Namen, tausend Mal gehört, erschienen ihm fremd.

Manchmal trat Hurgan in einen Raum in der Absicht, einen Befehl zu geben - nur um ihn in dem einen Schritt vergessen zu haben. Niemand sprach darüber, niemand verhöhnte ihn. Und doch verbreitete sich die Kunde schnell. Zum ersten Mal erkannte Hurgan, dass seine Macht nichts war, solange niemand sie für ihn ausübte. Sein Befehl brauchte ein Ohr, ihn zu hören. Niemand hörte dem Herrscher von Burant mehr zu. Und so sprach er mit sich selbst. Erst leise und immer in der Gewissheit, dabei allein zu sein.

Dann lauter, mutiger, fast schon erfreut, sich selbst Gesellschaft zu sein. Er redeteüber schwarze Pläne und machte sich Vorschläge, wie das Reich zu strafen sei, weil es ihn hasste. Er mochte seine eigenen Ideen, verbesserte sie, lobte sich ob ihrer Grausamkeit. Ganz selten tat es ihm leid, nicht mit sich selbst anstoßen zu können oder mit sich selbst den Thron zu teilen.