Erstes Kapitel
Die Schlinge um den Hals
Den Beschluss, sich das Leben zu nehmen, fasste Carl Siering im Badezimmer, sich wie üblich selbst befriedigend. Die frühmorgendliche Handreichung unter der Dusche war der einzige Höhepunkt, den sein Leben noch bereithielt. In wenigen Tagen würde er vierzig werden – höchste Zeit, die Notbremse zu ziehen. Denn er war ein Versager, ohne Aussicht auf Veränderung. Er stellte das Wasser ab, trat aus der Dusche und griff nach dem Handtuch. Missmutig betrachtete er sein erschlaffendes Glied, das ihn höhnisch anzugrinsen schien. Carl seufzte, erleichtert, endlich eine Entscheidung getroffen zu haben. Wenn es stimmte, dass sich das Schicksal eines Menschen in einer Nussschale offenbarte, so wollte er dem Ozean, auf dem sie trieb, mit kalter Verachtung begegnen. Jawohl, er würde kurzen Prozess machen, die Schale versenken, Worpswede seinen nackten Hintern zeigen, und zwar noch vor seinem Geburtstag. Er rieb sich das Gesicht mit Creme ein und lächelte sein Ebenbild im Spiegel an. Dabei war er kein Nörgler oder notorischer Unruhestifter. Könnte er sich einreden, sein Leben verliefe in erträglichen Bahnen, wenigstens ein paar Wochen im Jahr, würde er niemandem Umstände bereiten. Weder sich selbst noch anderen.
»Carl!«
Er sah sie an seinem Grab stehen, wie sie angestrengt einzelne Tränen hervorpresste. Er hasste die jede Wand durchdringende, hochtonale Stimme seiner Frau, mit der sie mühelos ihre Schulklassen dirigierte, Furcht und Schrecken verbreitend. Alexandra rief vermutlich aus der Küche eine Etage tiefer zu ihm hoch, doch kam es ihm vor, als stünde sie neben ihm und habe ihn die ganze Zeit beobachtet.
Nun gut, er hatte nichts zu verbergen. Sex hatten sie schon seit Jahren nicht mehr, für jeden Hund in der Nachbarschaft empfand sie mehr Zuneigung als für ihn, ihren Mann.
»Carl!«
»Liebling?« Er bemühte sich, nicht zu schreien.
»Du kommst zu spät. Die Gruppe ist wahrscheinlich schon da.«
Und wenn schon. Sollten sie warten. Nur Dienstboten waren pünktlich.
»Nach der Tour will dich Bronsky sprechen.«
Bronsky. Wie üblich sprach Alexandra seinen Namen mit Ehrfurcht und Bewunderung aus. Wie kam sie dazu, sich zum Sprachrohr dieses Mannes zu machen, seines größten Widersachers und Arbeitgebers? Musste sie jede sich bietende Gelegenheit nutzen, ihn zu demütigen? Sollte Bronsky ihn doch anrufen, wenn er etwas von ihm wollte. Stattdessen wandte er sich an Alexandra. Wohl wissend, wie er Carl vorführte.
»Carl! Ich gehe jetzt.«
»Ich halte dich nicht auf!«
Er hörte, wie die Haustür krachend ins Schloss fiel. Unwillkürlich zuckte er zusammen.
Zügigen Schrittes begab sich Carl zur Infobox am Eingang der Wohnanlage. Er eilte vorbei an den großzügig gestalteten Einfamilienhäusern mit ihren gepflegten Vorgärten, grüßte vertraute Gesichter und fragte sich, warum er nicht das Fahrrad genommen hatte. Die hufeisenförmige Anlage erstreckte sich über fast zwei Kilometer. Nicht einmal die einfachsten Entscheidungen traf er mit Umsicht. Doch immerhin war er entschlossen zu sterben. Je mehr er darüber nachdachte, umso richtiger erschien ihm sein Tod. Er wusste auch, wie er seinem Leben ein Ende setzen würde.
Die Infobox war ein rot gestrichener Container, in dem sich ein Besucherbüro befand. Die stetig anwachsenden Besuchergruppen konnten sich hier über die einzigartige, weltweit als Vorbild dienende Siedlung informieren. Zweimal am Tag führte Carl über das Gelände, die Hintergründe und Besonderheiten erläuternd. Er war es gewohnt, unbedarfte Touristen mit seinem Wissen zu beeindrucken – das zwangsläufig umfassender war, als ihm selbst lieb sein konnte – und am Ende recht unverhohlen, bisweilen unverschämt, sein Trinkgeld einzufordern. Am liebsten waren ihm Japaner. Da reichten einige drohende Blicke, und sie zückten ihr Portemonnaie.
Tatsächlich warteten sie schon