: Verena Lobsien, Claudia Olk, Katharina Münchberg
: Vollkommenheit Ästhetische Perfektion in Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit
: Walter de Gruyter GmbH& Co.KG
: 9783110222371
: Transformationen der AntikeISSN
: 1
: CHF 137.50
:
: Altertum
: German
: 250
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF

This volume is an inquiry into the philosophical, theological and aesthetic relevance of perfection. The main focus is on medieval and early modern arts. Contributions from English, German and Romance language and literature, as well as from theology, look at works from the Church fathers to Gottfried of Strasbourg, Dante, Petrarca and Shakespeare, as well as Andrew Marvell.



Verena Lobsienund Claudia Olk, Humboldt-Universität zu Berlin;Katharina Münchberg, Universität Trier.

Dante auf der Suche nach Vollkommenheit (S. 91-92)

KATHARINA MÜNCHBERG (Trier)

Dantes Commedia, zu Beginn des 14. Jahrhunderts entstanden, steht noch ganz im Horizont des mittelalterlichen Wissens: Dante fügt Elemente aus der platonischneuplatonischen, aristotelischen und arabischen Philosophie und der scholastischen und mystischen Theologie zu einer vielschichtigen konzeptuellen Einheit zusammen. Dennoch ist Dantes Commedia kein philosophisches Kompendium, sondern ein bis zumÄußersten durchdachtes und durchgestaltetes Kunstwerk, in dem das Wissen immer auf die Materialität des poetischen Textes und seine imaginäre Welt zurückgeführt werden kann. Dantes Reflexion auf eine mögliche Vollkommenheit des Kunstwerks ist hierfür ein grundlegendes Beispiel.

In der platonisch-neuplatonischen Philosophie, die Danteüber die Vermittlung des Dionysius Areopagita kannte, ist das Vollkommene ein Prädikat, das allein dem Göttlichen zukommt und dem Menschen in der Mangelhaftigkeit der materiellen Welt versagt ist. Die Hochscholastik schließt an diese Traditionslinie an: In seiner Summa theologiae bestimmt Thomas von Aquin das göttliche Sein durch das Prädikat des Vollkommenen, indem er präzisiert, dass es sich selbst in seinem Sein konstituiert. Die irdischen Dinge dagegen sind durch einen Mangel an Sein geprägt und unvollkommen. Aus dieser ontologischen Vorordnung des Vollkommenen ergibt sich, dass die irdischen Dinge nur eine partikulare und graduelle Teilhabe am Sein erreichen können. Auch in Dantes Commedia ist die hierarchische Ordnung des Seins das grundlegende Gestaltungsprinzip der imaginären Welt. Vom Gipfelpunkt des Empyreum herab verteilt sich die göttliche Kraft in den Himmeln und ihren Engelscharen, die aus Gott hervorgegangen sind und dorthin zurückstreben. Was für Thomas von Aquin fast schon einen theologischen Gemeinplatz darstellte, wird bei Dante aber zu einer beunruhigenden Frage, die sich angesichts der ontologischen Verortung der Kunst eindringlich stellt: Kann es einem menschlichen Kunstwerk gelingen, eine imma-nente Vollkommenheit zu erreichen, eineästhetische Perfektion, die nicht nurüber die Kontingenz der irdischen Welt hinweg auf das Göttliche verweist, sondern zugleich ein selbstkonstitutives Sein darstellt? Wenn Vollkommenheit eine ontologische Kategorie ist, die dem Göttlichen zugehört, bedeutet dann die Schaffung eines vollkommenen Kunstwerks nicht gerade, dass zwischen Immanenz und Transzendenz eine tiefe Kluft aufgerissen wird, eine Kluft, die im neuplatonischen Modell der kontinuierlichen Stufenleiter des Seins noch verdeckt ist?

Dantes Suche nach einem poetischen Kunstwerk, in dem Vollkommenheit nicht allein eine theologische, sondern vielmehrästhetische Reflexionsfigur ist, macht ihn zu einem Dichter der beginnenden Neuzeit. Bei Dante wird Vollkommenheit in den drei Horizonten des Wissens, der religiösen und ethischen Erfahrung und derästhetischen Erfahrung reflektiert. In der Textstruktur der Commedia werden diese Horizonte zu einer Synthese zusammengeführt. Durch die Perfektionierung der poetischen Techniken, die das Wissen einhüllen, gewinnt die Commedia eine eindringliche imaginäre Bildlichkeit und sinnliche Präsenz. Dante schöpft die Potentiale des poetischen Werks ganz aus, um sein Werk der göttlichen Vollkommenheit anzunähern, und hält dabei doch die Differenz zwischen dem menschlichen Werk und dem göttlichen Sein offen. Denn wie kann Dantesästhetischer Perfektionismus gelingen, wenn er dem Kunstwerk nicht eineästhetische Immanenz zugesteht, die unabhängig ist von der ursprünglichen Vollkommenheit des Göttlichen, zu der sie hinaustreibt?

Vorbemerkung6
Inhalt8
Vollkommenheit und Transformation. Eine Einleitung10
Vollkommenheit und Schönheit in der altkirchlichen Theologie22
Erzählen von vollkommener Liebe. Die Tristan-Romane Eilharts von Oberg und Gottfrieds von Straßburg54
(Un)sichtbare (Un)vollkommenheit: Zahlensymbolik und Antikenbezug in Sir Gawain and the Green Knight84
Dante auf der Suche nach Vollkommenheit100
Petrarcas Replik auf Dantes Versuch einer Annäherung an Perfektion: Absage an Kunstmetaphysik118
Formar con parole il perfetto cortegiano – Zum Verhältnis von Dialog und Vollkommenheit in Baldassare Castigliones Buch vom Hofmann134
Deus artifex – Zur Funktion eines Topos bei Fray Luis de León146
Transformation als Vervollkommnung in Antony and Cleopatra172
»To excel the Golden Age«: Shakespeare’s Voyage to Greece190
Die Vollkommenheit des Unvollkommenen. Marvells neuplatonisch-biblisches Bild der Seele: »On a Drop of Dew«214
Über die Autoren242
Namenregister246