: Angela Beuerle
: Sprachdenken im Mittelalter Ein Vergleich mit der Moderne
: Walter de Gruyter GmbH& Co.KG
: 9783110215021
: Studia Linguistica GermanicaISSN
: 1
: CHF 235.00
:
: "Deutsche Sprachwissenschaft; Deutschsprachige Literaturwissen- schaft"
: German
: 513
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF
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The volume focuses on the Latin tracts produced in Paris around 1270 by the Danes Martinus and Boethius de Dacia on what is known as“modistic grammar.” The contours of this“medieval linguistics” become clear in the comparison with two further approaches to linguistic theory - four tracts by medieval Icelandic grammarians and Saussure’s“Cours de linguistique générale” as a fundamental work in modern linguistics. The comparison then leads to a fundamental epistemological reflection on a possible typology of theoretical constructs in linguistics.


Angela Beuerle, Universität Hamburg.

III. Beschreibungen der Sprache (S. 159-160)

A. Die modistische Grammatik bei Martinus und Boethius de Dacia

hoc retorquendum est ad modos

1. Einleitung

Im folgenden Kapitel soll es um die Darstellung der modistischen Grammatik gehen. Grundlage der Beschreibung sind die beiden frühesten Traktate der Gattung, die etwa um 1270 von den beiden dänischen Philosophen Martinus und Boethius de Dacia verfasst wurden.

Die modistische Sprachtheorie ist Fortsetzung und Höhepunkt einer Entwicklung, die bereitsüber hundert Jahre früher begonnen hat– einer kritischen Bearbeitung der Priscian’schen Grammatik vor dem Hintergrund eines zunehmenden Bewusstseins für die Anforderungen der Logik in der wissenschaftlichen Betrachtung (s. folgenden Exkurs). Ergebnis ist ein in sich konsistentes,äußerst differenziertes System der Sprachbeschreibung: die modistische Grammatik. Dass es auch im Rahmen dieser The orie noch Diskussionsbedarf gab, zeigt sich schon zwischen Martinus und Boethius de Dacia, bei denen es immer wieder Differenzen hinsichtlich der Genauigkeit der Beschreibung und der spezifisch linguistischen Perspektive auf den Gegenstand gibt. Boethius gelten dabei die Vorgaben seiner wissenschaftstheoretischen Konzeption als ein größerer Bezugrahmen. Außerdem unternimmt er es, die an manchen Stellen theoretisch noch nicht ganz konsequent ausgearbeiteten Formulierungen bei Martinus im modistischen Sinne zu verfeinern. Martinus hingegen entwickelt in seiner Darstellung Definitionen, die die Originalität, Klarheit und Bildhaftigkeit des ersten Entwurfs zeigen.

Die Grammatik der Modisten entstand vorüber 700 Jahren an der Universität von Paris, zu dieser Zeit wohl das wichtigste geistige Zentrum des mittelalterlichen Europa. Obwohl für die Theorie selbst kein unmittelbares, aktives Weiterwirken in der Neuzeit festgestellt werden kann, ist sie doch Teil eines geistigen Kontextes, der, bei allen Entwicklungen und Veränderungen durch die Jahrhunderte, Hintergrund unserer heutigen geistesgeschichtlichen Situation ist. Wohl auch deshalb ist es nicht verwunderlich, dass vieles von dem, was die modistischen Grammatikerüber Sprache sagen, Anklänge in Aussagen spä-terer Sprachwissenschaftler bis heute findet– als Beispiel zu nennen wäre etwa die modistische Erklärung des Verhältnisses von Sprache, Denken und Welt, das in seinem dreistufigen Aufbau sowohl an Humboldts als auch an Sapir- Whorfs Beschreibung erinnert. Allerdings ist davon auszugehen, dass das, was unter„Welt“, unter„Denken“ und unter„Sprache“ verstanden wird, in allen dieser drei Fälle verschieden ist– die Veränderlichkeit dieser Kategorien sollte im vorhergehenden Kapitel (II.) deutlich geworden sein.

Bei der Konzeption dieser Arbeit stellte sich daher die Frage, wie die modistische Theorie darzustellen sei, in ihrer Eigenart, geprägt durch das Denken ihrer Zeit und dennoch als Teil einer sprachwissenschaftlichen Tradition, die, in groben Zügen betrachtet, von der Antike bis heute andauert. Die Gefahr, durch vorschnelle Gleichsetzungen Konturen und Inhalte dieser für uns ohnehin nicht mehr immer leicht nachzuvollziehenden mittelalterlichen Theorie zu verwischen, erschien mir schließlich schwerwiegender, als die Möglichkeit, an Verknüpfungen und Parallelen mit Ansätzen der mo dernen Linguistik vorbeizugehen– zumal Letzteres in einem nächsten Schritt jederzeit nachholbar ist bzw. der linguistisch versierte Leser selbst gemäß seiner Ausrichtung die Möglichkeiten solcher Entsprechungen zu ihm nahestehenden Theorienüberprüfen wird. So habe ich mich dafür entschieden, den Blick zunächst ganz auf die mittelalterliche Sprachtheorie zu richten, umüberhaupt ersteinmal eine nachvollziehbare, differenzierte Grundlage für einen späteren Vergleich zu schaffen.

Vorwort8
Inhaltsverzeichnis10
Einleitung16
I. Leben, Werk, Kontext29
A. Martinus und Boethius de Dacia und die modistische Grammatik29
B. Ferdinand de Saussure und der Cours60
II. Bedingungen einer Wissenschaft von der Sprache80
A. Boethius de Dacias Definition von Wissenschaft und Sprachwissenschaft80
B. Saussures Darstellung der Sprachwissenschaft im Cours138
III. Beschreibungen der Sprache174
A. Die modistische Grammatik bei Martinus und Boethius de Dacia174
B. Saussures Sprachbeschreibung im Cours im Vergleich mit der modistischen Grammatik bei Martinus und Boethius de Dacia325
IV. Die isländischen Grammatischen Traktate369
A. Zum Inhalt der Traktate369
B. Die isländischen Traktate: Kontext und Vergleich417
V. Wissenschaft und Grammatik454
Eine wissenschaftstheoretische Betrachtung der sprachtheoretischen Ansätze454
VI. Literaturverzeichnis495