: Mark Spörrle
: Aber dieses Jahr schenken wir uns nichts! Geschichten vom weihnachtlichen Wahnsinn
: Rowohlt Verlag Gmbh
: 9783644416611
: 1
: CHF 7.50
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 112
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Und wie ist es Weihnachten bei Ihnen? Weihnachten, wir wissen's alle, ist das Fest der Liebe und der familiären Idylle. Was aber tun, wenn man beim Weihnachtsessen von der Schwiegermutter kaltlächelnd gemästet wird? Die Nachbarn einem mit grell blinkender Weihnachtsdeko den Schlaf rauben? Man furchtbare Angst hat, beim Kauf des Weihnachtsbaums zu versagen, und obendrein den heuchlerischen Schwur getan hat: «Dieses Jahr schenken wir uns nichts»? Vielleicht ist es da einfach am besten, im Kreis der Liebsten besinnliche Lieder zu singen. Fragt sich nur, ob vor dem Essen oder nach dem Essen. Oder nach der Bescherung? Oder statt der Bescherung ...?

Mark Spörrle ist ZEIT-Redakteur und schreibt satirisch-humorvolle Bücher über den irrwitzigen Alltag. Sein Bahn-Überlebensführer «Senk ju vor träwelling», verfasst mit Lutz Schumacher, stand über ein Jahr unter den Top 20 der Spiegel-Bestsellerliste. Im Rowohlt Verlag erschienen zuletzt seine Satirensammlungen «Ist der Herd wirklich aus?», «Wer hat meine Hemden geschrumpft?» und «Aber dieses Jahr schenken wir uns nichts!». Mark Spörrle ist Autor der Hamburg-Kolumne «Warum funktioniert das nicht?» in der ZEIT.

DiesesJahr schenken wir uns nichts!


«Lass es uns dieses Jahr anders machen», sagte meine Liebste. «Lass uns auf den ganzen Vorweihnachtsstress verzichten! Lass uns lieber mehr Zeit haben, auch füreinander …»

«Gerne», rief ich. «Nur wie?»

«Ganz einfach», sagte meine Liebste, «dieses Jahr schenken wir uns nichts!»

Ich lächelte skeptisch. «Das haben schon andere versucht. Barbara und Till vor zwei Jahren zum Beispiel – weißt du noch, wie sie am Ende heimlich doch Geschenke besorgt hatten und Heiligabend alles brüllend aus dem Fenster warfen? Und dieser wahnsinnige Schriftsteller, der die eigenen Hemden, die seine Frau aus der Reinigung geholt hatte, in Stücke schnitt, weil er dachte, sie seien Geschenke von ihr? Also, ganz ehrlich – ich habe auf so etwas keine Lust!»

Am Ende leisteten wir einen feierlichen Schwur: Wir beide würden uns dieses Jahr nichts zu Weihnachten schenken. Keine Kleinigkeit. Nichts. Rein gar nichts.

Wir unterrichteten Freunde, Bekannte und Verwandte. Ich malte zwei große Transparente, die wir im Hausflur und an unserer Wohnungstür aufhängten («Dieses Jahr schenken wir uns nichts!»), und meine Liebste legte sämtliche verfügbaren Geldsummen auf unseren Bankkonten bis Anfang Januar als Festgeld an.

Tatsächlich verliefen die ersten Tage der Adventszeit so entspannt wie noch nie.

Als wir im Schaufenster der Galerie an der Ecke zufälligerweise dieses blaue Gemälde mit dem Leuchtturm und den Möwen entdeckten, das stilistisch und farblich genau das war, was wir immer fürs Schlafzimmer gesucht hatten, schüttelte ich nur bedauernd den Kopf. «Vielleicht ist es ja nach Weihnachten noch da», sagte ich nebenbei.

«Ich schätze nicht», sagte meine Liebste gleichgültig. «Es ist sehr schön. Aber das macht nichts. Wir werden ein anderes finden. Oder auch nicht. Schlimmstenfalls suchen wir eben noch ein Jahr.»

«Oder auch zwei», sagte ich schulterzuckend und wich einer der traurigen Gestalten aus, die mit bunten überfüllten Tüten an uns vorbeihetzten.

Nur um sicherzugehen, klingelte ich noch am selben Abend bei unseren Nachbarn und bat sie, uns in den nächsten Wochen noch genauer als sonst zu beobachten: Sobald sie einen von uns mit einem Geschenk für den anderen erwischten, beispielsweise mit einem blauen Gemälde, sollten sie es konfiszieren und nach Belieben verwenden.

«Ihr seid sicher, dass ihr euch nicht trotzdem etwas schenken wollt?», fragte Martina von nebenan mit ungläubigem Lächeln. «Nicht mal eine Kleinigkeit?»

«Genau», sagte ich. «Und wir zählen auf eure Hilfe!»

«Aber sich Weihnachten gar nichts zu schenken», rief Martina mir nach, «absolut gar nichts, ist das nicht – herzlos?»

Kopfschüttelnd ging ich in unsere Wohnung zurück.

«Wir bleiben doch dabei», fragte ich meine Liebste beiläufig beim Abendessen. «Dieses Jahr schenken wir uns nichts, oder?»

«Selbstverständlich», sagte sie. «Wieso fragst du?»

Später, wir unterhielten uns über die Tankstelle ein paar Straßen weiter, die seit Tagen geschlossen war, obwohl der Tankwart mir noch zwei Euro schuldete, wechselte meine Liebste nur eine Spur zu abrupt das Thema und erzählte, dass es in dem Delikatessgeschäft neben der Tankstelle tolle neue handgeschöpfte Zartbitterschokoladen gebe, unter anderem mit Biopflaumen und Erdnusspfeffer.

Dabei, fiel mir plötzlich auf, beobachtete sie genau, wie ich reagierte.

«Äh», sagte ich. «Nur, um ganz sicher zu sein: Dass wir uns nichts schenken, gilt auch für Kleinigkeiten wie etwa Schokolade, ri