: Monika Wohlrab-Sahr, Uta Karstein, Thomas Schmidt-Lux
: Forcierte Säkularität Religiöser Wandel und Generationendynamik im Osten Deutschlands
: Campus Verlag
: 9783593407531
: 1
: CHF 27.10
:
: Sonstiges
: German
: 375
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF
Wer die Religionslosigkeit der ostdeutschen Gesellschaft und die Säkularität ihrer Bürger begreifen will, muss sich neben der Religionspolitik der SED auch der Aneignung dieser Politik durch Individuen und Familien zuwenden. Auf der Basis von Interviews mit drei Generationen zeigen die Autorinnen und der Autor dieses Buches, in welcher Weise die Auseinandersetzung mit Religion in die grundlegende Konflikthaftigkeit des Lebens in der DDR eingebettet war. Es wird deutlich, welchen Spannungen kirchlich gebundene Menschen ausgesetzt waren, aber auch, in welchem Maße in Familien säkulare Traditionen geschaffen wurden. Nicht zuletzt in der jüngsten Generation lässt sich jedoch - in Absetzung davon - ein neu erwachtes Interesse an Religion ausmachen.

Monika Wohlrab-Sahr ist Professorin für Kultursoziologie im Bereich Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig. Uta Karstein und Dr. Thomas Schmidt-Lux sind dort wissenschaftliche Mitarbeiter.
1. Einleitung: Säkularität und Religiosität im Osten Deutschlands - Zur Logik der Aneignung forcierter Säkularisierung 1.1 Säkularisierung im Osten Deutschlands: Ein ?erfolgreiches? Experiment Im Hinblick auf den Prozess der Säkularisierung erscheint die Entwicklung im Osten Deutschlands wie ein riesiges Experiment, das in relativ kurzer Zeit unter Realbedingungen durchgeführt wurde. Im ersten Teil des Experiments ging es darum, wie und in welchem Maße es dem Staat gelingen würde, die kirchlichen und religiösen Bindungen und Überzeugungen der Bevölkerung zu minimieren. Vor diesem Hintergrund erscheint der Prozess, der gegenwärtig im Gange ist, wie der zweite Teil des Experiments: Die Frage ist nun, was geschieht, nachdem die säkularistische Politik an ihr Ende gekommen ist. Was den ersten Teil des Experiments angeht, steht dessen Erfolg außer Zweifel: Es ist dem Staat gelungen, Kirchenmitgliedschaft, religiöse Praxis und Glaubensüberzeugungen der Bewohner auf einen weltweiten Tiefstand zu bringen. Ostdeutschland gehört zu den Regionen mit der niedrigsten Rate der Kirchenmitgliedschaft und dem höchsten Anteil von Personen, die sich selbst als 'Atheisten' bezeichnen (Zulehner/Denz 1994; Tomka/Zulehner 1999: 27; 2000). Im Hinblick auf die gegenwärtige Entwicklung - um im Bild zu bleiben: den zweiten Teil des Experiments - ist zu sagen, dass die Politik des Staates auch insofern erfolgreich war, als es ihr gelang, einen dauerhaften Effekt zu erzeugen. Was einige Beobachter, insbesondere aus dem kirchlichen Bereich, nach der deutschen Vereinigung erwarteten, dass nämlich Sekten und religiöse Bewegungen die ostdeutsche Bevölkerung überfluten und ?verführen? würden - eine Bevölkerung, die als gleichermaßen bedürftig nach Religion wie als unfähig angesehen wurde, die diversen Angebote zu beurteilen - trat offensichtlich nicht ein. Zwar hat sich die religiöse Landschaft in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung merklich pluralisiert - gemessen an den verschiedenen Gruppierungen, die mittlerweile Dependancen in ostdeutschen Städten haben (vgl. zum Beispiel re.form leipzig 2003) - dennoch scheint dieser Landstrich von der vielfach beschworenen 'Wiederkehr der Religion' (Graf 2004) insgesamt wenig berührt. Lediglich in den jüngeren Altersgruppen stellt sich die Sache mittlerweile etwas anders dar. Das lenkt die Aufmerksamkeit auf mögliche Generationenunterschiede und deren Dynamiken. Durch die hartnäckige Säkularität des Ostens hat sich nach der Vereinigung auch die religiöse Verteilung in Gesamtdeutschland verschoben: Ein stabiles Drittel der Deutschen ist heute konfessionslos und - wenn auch damit nicht ganz deckungsgleich - etwa ein Drittel der Deutschen kann man auch als dezidiert 'nicht religiös' bezeichnen (Wohlrab-Sahr 2009). Die Religionspolitik der SED scheint daher - was ihre langfristigen Folgen angeht - eines der ?erfolgreichsten? Projekte der ehemaligen DDR gewesen zu sein. Das Experiment der nachhaltigen Säkularisierung scheint gelungen. Aber gibt es dann überhaupt noch etwas zu verstehen?
Inhalt6
Vorwort12
1. Einleitung: Säkularität und Religiosität im Osten Deutschlands – Zur Logik der Aneignung forcierter Säkularisierung14
1.1 Säkularisierung im Osten Deutschlands: Ein ›erfolgreiches‹ Experiment14
1.2 Forcierte Säkularisierung und deren subjektive Aneignung15
1.3 Subjektive und familiale Logiken des Säkularisierungsprozesses19
1.4 Familien als Schnittpunkte gesellschaftlicher Generationenverhältnisse21
1.5 Kulturelle Semantiken im religiös-weltanschaulichen Feld24
1.6 Religiosität und Generationendynamik27
2. Forschungspraxis und Methoden30
2.1 Forschung nach dem Systemumbruch – Methodische Überlegungen zur Erschließung der Lebensrealität in der DDR und in Ostdeutschland30
2.2 Vertrautheit, Distanz und Vertrauenswürdigkeit im Interview32
2.3 Verschränkung von Individual-, Familien- und Generationenperspektive: Das biographische Familieninterview37
2.3.1 Familienkommunikation im Interview38
2.3.2 Rekrutierung von Familien und Einzelpersonen für Interviews44
2.3.3 Zum Ablauf des Familieninterviews46
2.4 Biographische Einzelinterviews als weitere Erhebungsform51
2.5 Fragen des Samplings52
2.6 Zur Auswertung54
2.7 Zur Darstellung56
3. Generationenbeziehung und Familienkommunikation58
3.1 Der Generationenansatz60
3.1.1 Generation als historische Generation60
3.1.2 Generation als familiale Generation65
3.2 Gesellschaftliche und familiale Generationen in Ostdeutschland68
3.3 Generation als kulturelles Deutungsmuster – Zur Verknüpfung des familialen und historischen Generationenkonzeptes74
3.4 Generationenverhältnisse in der Familienkommunikation75
3.4.1 Familienkommunikation als Repräsentation familialer Geschlossenheit78
3.4.2 Generationendifferenzen und ihre kommunikative Bearbeitung84
3.4.3 Diskontinuitäten und Konflikte – Problematisierung von Differenz109
3.5 Fazit115
4. Religion im Konflikt: Ostdeutsche Familien zwischen Säkularisierung, kirchlicher Tradition und religiöser Neuorientierung118
4.1 Bestandsaufnahme der religiösen Entwicklung in der DDR und in Ostdeutschland118
4.2 Konfliktmodell des ostdeutschen Säkularisierungsprozesses121
4.2.1 Die ostdeutsche Säkularisierung als Problem der Religionssoziologie121
4.2.2 Konflikttheoretische Perspektiven in der Religionssoziologie126
4.2.3 Säkularisierung als Konflikt: Das Modell129
4.2.4 Säkularisierung als Konflikt: Der Fall der DDR132
4.3 Säkularisierungsprozesse in ostdeutschen Familien138
4.3.1 Konflikt um Mitgliedschaft und rituelle Partizipation140
4.3.2 Konflikt um Weltdeutungen148
4.3.3 Konflikt um Ethik und Moral155
4.3.4 Veränderung der Konfliktlinien in den Generationenlagerungen159
4.3.5 Sicherung der Säkularität nach 1989165
4.4 Zwischen »Durchhalten« und »Jetzt erst recht«. Strategien der Aufrechterhaltung von Religiosität und Kirchenbindung in der DDR168
4.4.1 Erhaltung und Behauptung der Kirchenbindung169
4.4.2 Zuwendung zur Kirche aufgrund ihrer politischen Rolle in der DDR180
4.4.3 Kirche und Kirchenbindung nach 1989186
4.5 Fazit194
5. »Was glauben Sie, kommt nach dem Tod?« – Große Transzendenz in der postsozialistischen Gesellschaft mit Christine Schaumburg198
5.1 Große Transzendenz in säkularisierten Kontexten198
5.2 »Was glauben Sie, kommt nach dem Tod?«201
5.2.1 Christlich geprägte Semantiken: Vom Auferstehungsglauben zum »Offen