KAPITEL 2
Spiritualität auf die Schnelle
Das geduldige, erwartungsfrohe Warten ist das
Fundament für spirituelles Leben.
Simone Weil
An der spirituellen Entwicklung ist nichts
Unmittelbares oder Automatisches.
Alan Jones
Der Winter ging schwerfällig in Frühling über. Der kleine Kokon hing regungslos draußen im Garten. Warte, schien Gott zu flüstern. Aber eine andere Stimme versuchte von au ßen wie von innen, zu mir durchzudringen, eine vernünftige, »kollektive« Stimme, die darauf beharrte, dass Warten eine enorme Zeitverschwendung war, unzeitgemäß, eine nette Idee vielleicht, aber etwas, das nicht in die schnelllebige, anspruchsvolle Welt von heute passte.
Außerdem wollte ich nicht warten. Warten erschien mir als die primitivste Seelenqual. Ich wollte, dass Gott mir einfach die Masken abriss, die ich mir mein Leben über zugelegt hatte, aus meinen verdrängten Quellen die verlorenen und vernachlässigten Teile meines Selbst barg, meine Probleme für mich löste, meine Wunden heilte und dieses unerklärliche Gefühl von Unzufriedenheit und Leid linderte. Und wohlgemerkt, ich wollte das alles sofort oder zumindest so rasch wie möglich.
Ich war der typische Auf-die-Schnelle-Typ. Manchmal kommt es mir vor, als gehörten Menschen dieser Art zu der am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppe.
Zu dieser Zeit reiste ich zur Erzabtei St. Meinrad, um dort an Exerzitien teilzunehmen. Eines Morgens nach dem Frühgebet ging ich zum Ufer des Teichs und setzte mich ins Gras. Ich lauschte dem Wind, der über das Wasser strich, und versuchte, mich still zu verhalten, einfach nur dazusitzen und im Augenblick zu verharren. Aber sofort stieg das gesamte innere Chaos in mir hoch. Das Bedürfnis, mich zu bewegen, alles aufzulösen, war überwältigend. Ich stand auf.
Als ich zum Gästehaus zurückkam, fiel mir ein Mönch auf, der die Skimütze über die Ohren gezogen hatte und vollkommen reglos unter einem Baum verharrte. Von seiner Silhouette ging eine derart andächtige Stille aus, eine solch ruhige Unerschütterlichkeit, dass ich stehen blieb und ihn beobachtete. Er war die Verkörperung des Wartens.
Ein wenig später sprach ich ihn an. »Ich habe Sie heute gesehen, wie Sie da unter dem Baum saßen. Sie saßen einfach nur reglos da. Wie schaffen Sie es bloß, so geduldig im Augenblick zu verharren? Ich kann mich anscheinend gar nicht mit der Vorstellung des Nichtstuns anfreunden.«
Ein wundersames Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Genau darin liegt Ihr Problem, junge Frau. Sie sind dem in unserer Kultur weit verbreiteten Irrglauben verfallen, Warten sei Nichtstun.«
Dann legte er seine Hände auf meine Schultern und sah mir in die Augen: »Ich hoffe, Sie verstehen, was ich Ihnen jetzt erzählen werde. Wenn Sie warten, tun Sie nicht nichts. Sie tun das Wichtigste überhaupt. Sie erlauben Ihrer Seele zu reifen. Wenn Sie nicht innehalten und warten können, werden Sie niemals zu dem, was Gott für Sie ausersehen hat.«
Irgendwie war ich mir tief in meiner Seele gewiss, dass seine Worte Gottes Worte waren.
Damit fing ich an, meinen »kultivierten Irrglauben«, der meine Erfahrungen in Bezug auf das Warten gefärbt hatte, gena