: Richard David Precht
: Die Kosmonauten Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641034306
: 1
: CHF 9.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 416
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Richard David Prechts wunderbarer Liebesroman

In einer Kölner Straßenbahn erobert Georg das Herz einer Unbekannten – Rosalie. Schon bald zieht es die beiden jungen Liebenden aus dem Westen nach Berlin, wo nach Wende und Wiedervereinigung für einen kurzen Moment alles möglich scheint. Während weit oben im All ein letzter sowjetischer Kosmonaut in der letzten sowjetischen Raumkapsel seine Bahnen zieht, erkunden Georg und Rosalie die Stadt wie einen fremden Planeten und lassen sich treiben. Doch die Schwerelosigkeit währt nicht ewig, und schon bald müssen sich die beiden Sternenzähler der neuen Zeit stellen.

Ein humorvoll erzähltes, zärtliches Buch über Liebe, Freiheit und Aufbruch.

Richard David Precht, geboren 1964, ist Philosoph, Publizist und Autor und einer der profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum. Er ist Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Seit seinem sensationellen Erfolg mit »Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?« waren alle seine Bücher zu philosophischen oder gesellschaftspolitischen Themen große Bestseller und wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Seit 2012 moderiert er die Philosophiesendung »Precht« im ZDF und diskutiert zusammen mit Markus Lanz im Nr.1-Podcast »LANZ& PRECHT« im wöchentlichen Rhythmus gesellschaftliche, politische und philosophische Entwicklungen.

2
Mit dem Himmel fängt es an, dem hellen Grau, das über der Straße liegt. Zu erwähnen sind: die herkömmliche Nässe des Herbstes, der dichte vierspurige Verkehr zwischen den verchromten Häusern der Banken und Versicherungen, die große Betonbrücke über die Straße mit den Bahngleisen in der Mitte und schließlich vereinzelt dunkle Punkte, die gefrorene, stillgestellte Unruhe der Menschen an einer Stra ßenbahnhaltestelle.
Es war nichts Feierliches in diesem Tag, eher etwas Schwermütiges, der dritte Oktober hatte kein gutes Wetter beschert. Georg war früh aufgestanden an diesem Morgen, so wie jeden Morgen, aber ein Morgen wie jeder andere war das nicht. Er hatte soeben seine Arbeit gekündigt.
Nun stand er in schwarzen Jeans und schwarzem Wollpullover an der Haltestelle in die Stadt, lehnte an einer Tafel mit Leuchtreklame, die Arme verschränkt, und fragte sich, wie es ist, wenn man ein altes Leben beendet und ein neues anfängt. Leicht zu sagen war es nicht. Auf der Leuchtreklame zogen Rentiere durch glitzerndes Wasser. Benzindunst lag in der Luft, und die Straßen sahen aus, als wenn sie sich langweilten. Auf den Amseln perlten Tropfen; nass wie Regenschirme hockten sie auf der Laterne, bevor sie fortfahren würden zu singen oder zu sterben. Unentwegt zischten die Autos durch die Pfützen, in gleichem Abstand, wie auf einem Rollband.
Er dachte: immerhin hat diese Strömung mich vorwärts gespült, also war es nicht nur vertane Zeit. Wie gut, dass es vorbei ist, dass es tatsächlich vorbei ist. Er dachte an die Passfotogesichter seiner Kollegen im Büro, wie sie jetzt ihre Rechner anstellten, ihre Kaffeetassen füllten, in Telefonhörer redeten, bis die graue Straße wieder zurückkam, die Autos, die Leuchtreklame, die Menschen und diese junge Frau wenige Schritte entfernt; ihr rotbraunes Haar flatterte ein bisschen. Die große Zeichenmappe unter ihrem Arm hielt sie fest und zusammen, der Oktoberwind konnte ihr wenig anhaben, sie war ernst und ruhig.
Sie sah ihn nicht an, blickte stumm in die Richtung, aus der in wenigen Minuten die Straßenbahn kommen musste. Sie sah sicher aus, unbeirrbar durch den Niesel, die Autos, so als wenn sie in Gedanken gar nicht hier war an dieser Haltestelle.
Georg ging zwei Schritte nach vorn, rückte ein Stück näher an sie heran, stellte den linken Fuß vor; die Leuchtreklame verschwand aus seinem Rücken, er rieb sich das Gesicht, es gab Leichteres, als jetzt beiläufig zu wirken, unbeteiligt an seinem eigenen Blick.
Sie hatte sich geschminkt, sehr dezent, und der Mantel sah teuer aus, ebenso die Schuhe mit den schlanken Absätzen; ihr dichtes Haar aber war wild, als würde es nur vom Wind gekämmt, so als konnte es vielleicht gar nicht gekämmt werden, außer vom Wind.
Er ging jetzt ein paar weitere Schritte, nicht zu ihr hin, sondern gerade nach vorn zum Gleis, um nach der Bahn zu schauen. Erst dann drehte er sich kurz um.
Sah sie an.
In ihr Gesicht.
Sie hatte ihn bemerkt. Sie mochte noch so versunken auf die Straße geschaut haben, sie hatte ihn bemerkt.
Das flüchtige Lächeln, das ihn streifte, war warm.
 

Rosalie hatte soeben gelächelt.
Sie hatte den Kopf schräg gelegt, ihre grünen Augen leuchteten im Regen. Sie hätte ein schwindsüchtiges expressionistisches Mädchen im Pariser Herbst sein mögen, aber sie stand sicher und fest hier an der Haltestelle in Köln. Von draußen drangen Rauschen und Autohupen, drang der Lärm der Straße in ihren Kopf. Sie stand schon länger als zehn Minuten in d