: Leif GW Persson
: Der Professor Wie ich Schwedens erfolgreichster Profiler wurde
: btb Verlag
: 9783641092733
: 1
: CHF 10.80
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: Erzählende Literatur
: German
: 464
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Skandale, Erfolge, Geheimdienstaktivitäten: Wie aus dem Sohn eines Bauarbeiters der erfolgreichste Profiler Schwedens wurde

In Schweden ist er so bekannt wie Kronprinzessin Viktoria oder ABBA: Leif GW Persson ist einer der erfolgreichsten skandinavischen Kriminalautoren. Seine Romane sind Bestseller, die alle Rekorde brechen. Dabei bietet sein eigenes Leben genügend Stoff: Persson, der als Jurist bei der Polizei begann, ist in den späten 70er Jahren an der spektakulären Aufdeckung eines der größten Justizskandale der schwedischen Geschichte beteiligt, in dessen Folge er seinen Job verliert. Nach einem Selbstmordversuch beginnt er zu schreiben, in nur sechs Wochen entsteht sein erster Roman, und Persson wird über Nacht berühmt. Heute gilt er als einer der erfolgreichsten Profiler Schwedens und ist Professor für Kriminologie. Doch im Leben bleibt der Sohn eines Bauarbeiters zerrissen – und so ist seine Autobiografie auch die mitreißende Geschichte eines Menschen, der den sozialen Aufstieg geschafft hat und doch immer noch mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat ...

Leif GW Persson gilt als Großmeister der skandinavischen Kriminalliteratur. Persson, der lange Zeit als Profiler im Polizeidienst tätig war, ist Professor der Kriminologie, Medienexperte und seit mittlerweile 30 Jahren einer der erfolgreichsten Krimiautoren Schwedens. Er wurde mehrfach mit dem Schwedischen Krimipreis ausgezeichnet, daneben erhielt er den Dänischen und den Finnischen Krimipreis. Seine Romane stehen regelmäßig auf Platz 1 der Bestsellerliste und verzeichnen Millionenauflagen.

1.

Sonntagskind mit Glückshaube

Das hier ist die Geschichte eines gesellschaftlichen Aufstiegs, meines gesellschaftlichen Aufstiegs. Dieser Aufstieg hat mein ganzes Leben entscheidend geprägt. In großen und kleinen Dingen, bis hin zu Bagatellen.

Ich heiße Leif Gustav Willy Persson. Ich wurde am 12. März 1945 in der Allgemeinen Entbindungsanstalt in Stockholm mit für das Alter normalem Gewicht und normaler Größe geboren, dreieinhalb Kilo, 53 Zentimeter, fünf Finger an jeder Hand, fünf Zehen an jedem Fuß. Ich wurde für vollkommen gesund erklärt, ich sei bereit, dem Leben zu begegnen.

Am Tag meiner Geburtüberschreiten zwei amerikanische Panzerdivisionen den Rhein. Gemeinsam mit den Engländern haben sie einen zwanzig Kilometer breiten Brückenkopf auf der Ostseite des Flusses etabliert. Gleichzeitig dringt die Rote Armee in die Vorstädte Berlins ein. In Europa kann man nun damit beginnen, die Tage bis zum Ende eines Krieges zu zählen, der fast sechs Jahre gedauert und einen ganzen Kontinent verheert hat. Der deutsche Adler ist flügellahm zu Boden gestürzt, dieUSA, England und ihr russischer Verbündeter teilen routinemäßig und jeder von seiner Seite die abschließenden Stockhiebe aus, und zwischen diesen Gegebenheiten und dem Zeitpunkt meiner eigenen Geburt besteht ein einfacher Zusammenhang.

Als ich im März 1945 zur Welt komme, haben meine Eltern fast zehn Jahre lang kinderlos zusammengelebt, aber jetzt, als der Krieg beinahe vorüber ist, werden in Schweden mehr Kinder geboren als je zuvor. Es ist nicht so, dass man sichübermütig einen Vorschuss auf den Frieden genehmigt, von dem alle wissen, dass er bald eine Tatsache sein wird. Im Gegenteil, selbst die Anzahl Neugeborener ist ein Ausdruck dafür, wie die anstellige Arbeiterklasse ihr Leben und nicht zuletzt auch ihren Nachwuchs plant. So war schließlich damals das allgemeine Bewusstsein bei den Politikern Per Albin Hansson und Tage Erlander, bei dem Theoretiker Gustav Möller und dem Ehepaar Myrdal bis hinunter zu denen, die sie gewählt haben wie beispielsweise meine Eltern Margit und Gustav.

Als ich sieben Jahre später eine Schwester bekomme, erfüllt sich das sozialdemokratische Bevölkerungsideal. Arbeiterfamilie mit zwei Kindern, sowohl einem Sohn als auch einer Tochter, Mama Margit und Papa Gustav, großer Bruder Leif und Schwesterchen Maud.

Als ich alt genug bin, um zuzuhören und zu verstehen, erzählt mir meine Mutter sofort, dass ich ein Glückskind war. Ich wurde nicht nur an einem Sonntag geboren, sondern auch mit einer Glückshaube. Ich war kein Junge aus der Oberschicht, der mit einem silbernen Löffel im Mund zur Welt gekommen war, sondern etwas viel Besseres, ich war ein Sonntagskind mit einer Glückshaube.

Den volkstümlichen Vorstellungen gemäß, die das Leben meiner Mutter und vieler Menschen ihres Hintergrundes und ihrer Generation bestimmten, stellte es ein großes Glück dar, an einem Sonntag zur Welt zu kommen. Das war fast so etwas wie eine Garantie für ein sorgenfreies Leben, ein Leben, das aus einer Aneinanderreihung arbeitsfreier Sonntage bestand. Außerdem ein Leben voller Erfolge, wie es allen Knaben gebührt, die sich mit einem Kopf gekrönt mit einer Amnionhaube aus dem Mutterleib zwängen.

Sobald ich alt genug bin, um lesen zu können, und obwohl ich noch nicht zur Schule gehe– es ist also nicht ganz klar, wie das zugegangen ist–, entschließe ich mich, mehrüber die Gnade in Erfahrung zu bringen, die mir zuteilgeworden ist. Zu Hause gibt es keine Bücher, die meine Neugierde stillen könnten, aber da Mama die Wohnung der Witwe eines Konsuls im Nachbarhaus putzt, kann ich es mit Hilfe des»Svensk Uppslagsbok« aus dem Bücherregal in ihrem Wohnzimmer herausfinden.

Offenbar stimmt, was meine Mutter mir erzählt hat– wie seltsam es auch in meinen Ohren geklungen haben mag–, dass mein Kopf bei meiner Geburt mit einer Amnionhautüberzogen gewesen sei. Diese habe wie eine Haube auf meinem Schädel gesessen, was etwas sehr Ungewöhnliches sei. In früheren Zeiten wurden diese Glückshauben getrocknet und aufgehoben, was nicht verwunderlich war, da sie ihren Trägern die bemerkenswertesten Fähigkeiten verliehen. Man konnte eine Feuersbrunst löschen, indem man einfach um den Ort des Brandes herumging, man bekam das zweite Gesicht, konnte magische Riten durchführen und durch einfaches Handauflegen Blut stillen und Kranke und Verletzte heilen. Am wichtigsten war jedoch, dass der, der mit einer Glückshaube zur Welt gekommen war, alle Kämpfe, an denen er teilnahm,überleben würde.

So steht es tatsächlich in diesem Konversationslexikon, Kämpfe, an denen»er« teilnimmt, und obwohl ich erst fünf Jahre alt bin, verstehe ich, dass Mädchen nicht mit Glückshaube zur Welt kommen können. Dieses Privileg ist uns Knaben vorbehalten. Vielleicht ist es auch ein Ausdruck dafür, dass Mädchen und Frauen nicht kämpfen sollen. Jedenfalls nicht auf diese handgreifliche Art und Weise, die darin besteht, jemandem, dem man nie zuvor begegnet ist, ein Bajonett in die Eingeweide zu rammen.

Wie auch immer: Es ist keine schlechte Gabe, als Seher, Glückskind und Gesundbeter zur Welt zu kommen, außerdem unverletzbar und unbesiegbar. Gesundbeter, Seher und Sieger, mein Herz klopft bereits erwartungsvoll, weil ich Großes im Dienste der Menschheit vollbringen werde.

»Sei vorsichtig mit den Büchern