: Sue Monk Kidd
: Die Meerfrau Roman
: btb Verlag
: 9783641024727
: 1
: CHF 2.70
:
: Erzählende Literatur
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine idyllische Insel vor South Carolina: Nach langen Jahren kehrt die 40-jährige Jessie Sullivan in ihre alte Heimat zurück, weil ihre Mutter sie braucht. Schon bald gerät ihr geordnetes Leben aus der Bahn: Die verheiratete Frau verliebt sich in einen Mönch, der kurz davor steht, sein ewiges Gelübde abzulegen. Jessie will ihre Ehe nicht aufs Spiel setzen. Doch die Sehnsucht nach einem Seelenverwandten, nach Sinnlichkeit und Spiritualität, droht über die Vernunft zu siegen …

Sue Monk Kidds Debütroman »Die Bienenhüterin« avancierte vom Geheimtipp zum Bestseller. Der Roman wurde allein in den USA über sechs Millionen Mal verkauft, er wurde in sechsunddreißig Sprachen übersetzt. Millionen LeserInnen haben ihre berührenden Geschichten wie »Die Meerfrau« oder »Die Erfindung der Flügel« verschlungen. »Das Buch Ana« ist Sue Monk Kidds vierter Roman, der in den USA sofort auf der Bestsellerliste stand und von der Presse begeistert aufgenommen wurde. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in South Carolina.
KAPITEL 1
Es war der 17. Februar 1988, ich schlug die Augen auf. Eine ganze Reihe von Geräuschen hatte mich geweckt: Erst hatte das Telefon auf der anderen Seite des Bettes angefangen zu klingeln, es hatte uns um 5.04 Uhr aus dem Schlaf gerissen, und das konnte eigentlich nur Unheil bedeuten. Dann hatte ich gehört, wie der Regen auf das Dach unseres alten, viktorianischen Hauses trommelte, wie das Wasser rauschend seinen Weg durch Rinnen und Rohre in den Grund fand, und schließlich war es das Pusten gewesen, das Hugh mit der Unterlippe macht, wenn er ausatmet, ein vollkommen gleichmäßiger Rhythmus, wie ein Metronom.
Zwanzig Jahre regelmäßiges Pusten. Ich hörte es ja selbst dann schon, wenn er nicht schlief, wenn er nach dem Essen in seinem Ledersessel saß und sich durch den Stapel der Fachzeitschrift für Psychiatrie las, der vom Boden emporwuchs. Sein Pusten war der Takt, der mein Leben bestimmte.
Das Telefon klingelte erneut, und ich lag da und wartete darauf, dass Hugh abnahm. Sicher war das einer seiner Patienten, vermutlich der paranoide Schizophrene, der schon gestern Abend angerufen hatte, weil er davon überzeugt war, die CIA würde ihn in ein Regierungsgebäude in Atlanta verschleppen.
Beim dritten Klingeln griff Hugh nach dem Hörer. »Ja, hallo«, sagte er, seine Stimme klang heiser, kam aus den Tiefen des Schlafs.
Ich drehte mich weg und sah auf das fahle, wässrige Licht, das durch das Fenster drang. Mir fiel ein, dass Aschermittwoch war, und mich überfiel das unausweichliche Schuldgefühl.
Mein Vater war an einem Aschermittwoch gestorben, ich war damals neun Jahre alt gewesen, und sein Tod die Folge einer unseligen Verkettung von Umständen, die, was niemand je wirklich begriffen hatte, ich in Gang gesetzt hatte: Ich war an allem schuld.
Auf seinem Boot war ein Feuer ausgebrochen, der Treibstofftank war explodiert – so hatte es jedenfalls damals geheißen. Wrackteile waren erst Wochen später an den Strand gespült worden, und darunter war auch der Teil des Hecks gewesen, auf demJes-Sea geschrieben stand. Er hatte das Boot nach mir benannt, nicht nach meinem Bruder, noch nicht einmal nach meiner Mutter, die er abgöttisch geliebt hatte, sondern nach mir, Jessie.
Ich schloss die Augen und sah ölige Flammen und grelles, orangefarbenes Licht. In einem Artikel in der Tageszeitung von Charleston hatte gestanden, die Umstände der Explosion wärenfragwürdig, und es hatte sogar eine Untersuchung gegeben, die jedoch zu keinem Ergebnis geführt hatte – all das wusste Mike und ich aber nur, weil wir den Zeitungsausschnitt in einer Schublade des Frisiertisches meiner Mutter entdeckt hatten, ein merkwürdiger, geheimnisvoller Hort, der zerrissene Rosenkränze, alte Heiligenmedaillons, Heiligenbildchen und eine kleine Jesusstatue, die nur einen Arm hatte, beherbergte. Mutter wäre wohl niemals auf die Idee gekommen, dass wir eines Tages in ihren kleinen Friedhof der Heiligtümer eindringen würden.
Ich war fast jeden Tag an diesen furchtbringenden Schrein gegangen, ein ganzes Jahr lang. Ich war wie besessen gewesen, hatte den Zeitungsartikel immer und immer wieder gelesen, vor allem den einen, entscheidenden Satz:»Di