: Simone Becker
: Soziale Arbeit und Systemtheorie. Eine Studie zum Nutzen der systemischen Betrachtungsweise
: Diplomica Verlag GmbH
: 9783836617406
: 1
: CHF 29.40
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: Sozialpädagogik, Soziale Arbeit
: German
: 148
: kein Kopierschutz/DRM
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: PDF
Die systemische Beratung ist ein inzwischen einschlägiger theoretischer und praktischer Wirkungsbereich der Sozialen Arbeit und in den verschiedensten Handlungsfeldern anzutreffen. Doch nicht überall hat das Systemdenken Einzug erhalten - sei es aus Gründen mangelnder finanzieller Möglichkeiten, fehlender Sachkenntnis, des Desinteresses oder der Ablehnung heraus. Mögliche Anlässe dafür werden im Rahmen der vorliegenden Forschungsarbeit thematisiert. Im Vordergrund steht die Fragestellung, aus welchem Grund bereits vielfältig nach dem systemischen Paradigma praktiziert wird bzw. was die Systemtheorie der Sozialen Arbeit darbieten kann.In einem interpretativen Zugang sollen das Bedeutungs- und Handlungsfeld drei verschiedener Pädagogen, die sich in verschiedenen Bereichen der Sozialen Arbeit systemisches Denken zur Aufgabe gemacht haben, ergründet werden. Dabei steht zur Debatte, ob und wie sich durch das Selbstorganisations-Paradigma ihre Selbstdefinitionen verändert haben. Von Interesse ist ebenso die Bedeutung für die Akteure selbst, d. h. die Motive und Intentionen, die sich innerhalb eines Handlungsfeldes herausbilden.
Kapitel 1.3, Luhmanns universale Theorie sozialer Systeme:
„Seine soziologische Systemtheorie erhebt für sich selbst den Anspruch, universell zu sein, d. h. den gesamten Bereich der Wirklichkeit abzudecken.“ (Margot Berghaus).
Neben sehr unterschiedlichen systemtheoretischen Ansätzen in der Sozialen Arbeit wird in der aktuellen Diskussion eine Theorie angeboten, die den Ausgangspunkt beim Beobachter setzt. Diese Perspektive, welche die Bedeutsamkeit des Beobachters für das, was beobachtet wird, besonders hervorhebt, wird auch als „systemisch-konstruktivistische Systemtheorie“ bezeichnet. In dieser Richtung nimmt die soziologische Systemtheorie Luhmanns eine elementare Position ein, da seine Arbeiten in den Diskursen der Soziologie, der systemischen Therapie und der Sozialen Arbeit Eingang erhalten haben. Luhmann ist Konstruktivist, jedoch kein radikaler. Für ihn existiert die Welt, wenn auch unerreichbar, ist somit keine Konstruktion unserer Einbildung. Als Umwelt holt ein System sich die Welt nahe, wodurch sie aber letztendlich Konstruktion des Systems ist. In seiner Universaltheorie ist der Umwelt-Begriff zentral. Luhmann betont: „Sie reklamiert für sich selbst nie: Widerspiegelung der kompletten Realität des Gegenstandes. Auch nicht: Ausschöpfung aller Möglichkeiten der Erkenntnis des Gegenstandes. Daher auch nicht: Ausschließlichkeit des Wahrheitsanspruchs im Verhältnis zu anderen, konkurrierenden Theorieunternehmungen. Wohl aber: Universalität der Gegenstandserfassung in dem Sinne, dass sie als soziologische Theorie alles Soziale behandelt und nicht nur Ausschnitte (wie z. B. Schichtung und Mobilität, Besonderheiten der modernen Gesell-schaft, Interaktionsmuster etc.)“.
Diese neue systemtheoretische Auffassung platziert Personen außerhalb des sozialen Systems, wodurch sie öfter zunächst auf Skepsis und Ablehnung stößt und ihr sogar Menschenfeindlichkeit vorgeworfen wird. Durch die theoretische Herausverlagerung des Menschen aus dem sozialen System wird die Bedeutung des Individuums jedoch nicht geschmälert, sondern sogar betont. Denn auf diese Weise lässt sich die Besonderheit der beteiligten Menschen unabhängig von den spezifischen Handlungsweisen des Sozialsystems, in das sie eingebunden sind, beschreiben. Personen werden daher als autonome Einheiten verstanden und infolgedessen als „psychische Systeme“ definiert.
Operation: System-Umwelt-Differenz:
Der Ausgangspunkt der Luhmannschen Theorie ist sehr allgemein gefasst. Dabei handelt es sich um die Unterscheidung von System und Umwelt. Für Luhmann ist der Umweltbezug konstitutiv für die Systembildung. Die Schlussfolgerung daraus ist, es muss immer von der Gleichzeitigkeit von System und Umwelt ausgegangen werden. System und Umwelt können getrennt als die zwei Seiten einer Form, jedoch nicht ohne die zweite andere Seite existieren. D. h. System und Umwelt identifizieren sich immer nur durch diese Differenz und ein System bildet nur anhand dieser Unterscheidung seine Identität aus. Die Bestimmung eines Systems kann demnach nur im Sinne einer System-Umwelt-Differenzierung erfolgen. Diese systemhervorbringende Unterscheidung geschieht durch einen Beobachter, der eine Einheit von einer Umwelt subjektiv unterscheidet.
Systeme verfügen über Systemgrenzen, durch die sie sich von der Umwelt distinguieren. Sie heben sich einerseits von ihrer Umwelt ab und sind andererseits gleichzeitig auf sie ausgerichtet und strukturell bezogen. Das bedeutet, jedes System wird von seiner eigenen relevanten Umwelt umgeben, mit der es kommunikative Austauschprozesse vollzieht. Umwelt ist also stets „systemrelativ“ bzw. für jedes System etwas anderes, nämlich jeweils das außerhalb des Systems Bestehende aus Sicht des Systems selbst. Umwelt ist kein eigenes System, sondern stellt die Summe von Systemen, Handlungen und Geschehnissen dar, die außerhalb des Referenzsystems liegen. Die relevante Umwelt lokalisiert sich nach Bronfenbrenner auf den Ebenen der Mikro-, Meso-, Exo- und Makrosysteme. Luhmann stellt sich die Umwelt als Verlängerung der Handlungssequenzen des Systems nach außen vor. Die Umwelt ist für ihn „einfach alles andere“ außerhalb des Systems. Die Umwelt ist somit komplexer als das System.
Systeme sind gleichzeitig immer auch Umwelt für die Systeme ihrer Umwelt und damit möglicherweise Objekt ihrer Operationen. Die jeweiligen Systemgrenzen lassen sich dabei nicht klar und eindeutig bestimmen, sondern sind deu
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0. Einleitung5
1. Die Systemtheorie - „eine denkbare Wahrheit“8
1.1. Herausbildung des Systemdenkens8
1.1.1. Der Paradigmenwechsel vom linearen zum systemischen Denken9
1.1.2. Dominanzgefüge der sich wandelnden systemischen Konzepte12
1.1.3. Resümee zur Historie13
1.2. „Was ist ein System?“14
1.3. Luhmanns universale Theorie sozialer Systeme16
1.3.1. Operation: System-Umwelt-Differenz17
1.3.2. Beobachtung: System-Umwelt-Differenz19
1.3.3. Operation: Selbsterhaltung20
1.3.4. „Jeder ist sich selbst der Nächste“ - Über Komplexität und Kontingenz22
1.3.5. Kommunikation ist nicht gleich Kommunikation24
1.3.6. Resümee zur Theorie sozialer Systeme27
1.4. Eine Theorie psychischer Systeme28
1.5. Das Zusammenspiel von Bewusstseins- und Sozialsystemen31
2. Das Systemmodell in der Sozialen Arbeit33
2.1. Sozialarbeit - Funktion, Gegenstand und Aufgaben33
2.2. Helfer- und Klientensystem38
2.2.1. Das System und sein Beobachter38
2.2.2. Stimulation der Selbstbeobachtung durch Umweltbeobachtung40
2.2.3. Struktur und Autonomie des Klientensystems42
2.2.4. Komplexität, Kontingenz und Information49
2.3. Die psychosoziale Einheit im Beratungsprozess51
2.4. Grenzen des Systemmodells in der Sozialarbeit54
3. Der Praxistest - Exploration in sozialen Handlungsfeldern56
3.1. Die Methodologie der empirischen Forschung56
3.2. Die Dokumentation der Interviews65
3.2.1. Kontaktaufnahme und Interviewsetting65
3.2.2. Erschließung der systemischen Arbeitswelt66
3.2.3. Das Selbstverständnis78
3.2.4. Persönlicher Gewinn und Effektivität systemischer Beratung84
3.2.5. Mühen und Grenzen in der systemischen Beratung94
4. Resümee100
Anhang A: Interview Joost104
Anhang B: Interview Lessing117
Anhang C: Interview Mertens131
Literaturverzeichnis145