KAPITEL 1
Irgendetwas war hier faul.
Die beiden Männer standen gelangweilt an der Ecke zur Gasse des alten Zerwirkgewölbes in der Altstadt. Betont gleichgültig musterten sie die vorbeigehenden Passanten. Ihre Mienen waren ausdruckslos, ein wenig herablassend. Hin und wieder trafen sich ihre Blicke und ruhten für Sekundenbruchteile ineinander, ohne sich etwas zu sagen zu haben.
Waren sie mit jemandem verabredet? Mit auswärtigen Geschäftspartnern, die sie in das nahe gelegene Hofbräuhaus auszuführen hatten? Mit ihren Frauen, die sich beim Stadtbummel zum Shoppen ausgeklinkt und dabei die Zeit vergessen hatten?
Türk verlangsamte unwillkürlich seinen Schritt. Da war es wieder, dieses innere Alarmsignal. Dieses stete Misstrauen. Die Polizisten-Macke eben, die wieder drauf und dran war, ihm seinen freien Tag zu versauen, den er doch mit einem Spaziergang durch die Altstadt verbringen wollte, ganz entspannt. Er hatte das Viertel innerhalb des ersten Stadtmauerrings vor kurzem wieder für sich entdeckt und herausgefunden, dass es nicht, wie er befürchtet hatte, bis in den letzten Winkel von Scharen lärmender Touristen belagert war.
Natürlich war vieles nicht mehr, wie er es in Erinnerung hatte, und wie er es erlebt hatte, als er während seiner Ausbildung in einem winzigen Appartement in der Maderbräu-Straße wohnte. Die verwinkelten Innenhöfe der Gebäude am Platzl warenöffentlich und hatten keine Geheimnisse mehr. Aus dem kleinen Café in der Ledererstraße war ein turbulenter, von Italo-Pop durchpulster Szene-Treff geworden. Der Kaffee war in Ordnung, doch das einst verschwiegene Hinterzimmer, in dem nicht nur er, sondern so manche Prominenz aus den nahe gelegenen Kammerspielen mit der jeweils Angebeteten geturtelt hatten, war zu einer kühlen Lounge umgemodelt worden, in der sich schlaffe Yuppies auf unbequemen Sitzen flezten.
Beruhigend war, dass zumindest dasWeiße Bräuhaus sich nicht von derüberdrehten Modernisierungshast hatte anstecken lassen. Wenig hatte sich in der Einrichtung des Gasthauses geändert. Noch immer waren es die bodenständigen, mit robustem Humor ausgestatteten Kellnerinnen, dieüber diesen Ort herrschten und das Menschengewühl energisch wie machtvolle Fregatten durchpflügten.
Aber natürlich war es wieder vergeblich gewesen, sich vorzunehmen, an diesem Tag nicht an den Job zu denken. Zwar wäre Türk nichts eingefallen, was ihm in letzter Zeit an seiner Arbeit in der 29er-Inspektion besonders auf die Nerven gegangen wäre. Er hatte sich– als Streifenbeamter im wenig aufregenden Münchner Osten– längst eine gewisse Gelassenheit zugelegt. Die Einsätze unterschieden sich nur unwesentlich voneinander. Immer wieder bestätigte sich ihm, was er schon immer vermutet hatte: Die Menschheit war, was ihr Konfliktverhalten und ihre moralische Festigkeit betraf, eher einfach gestrickt. Welcher Schicht die jeweiligen Kontrahenten angehörten, war dabei nahezu egal. Der emeritierte Philologen-Feingeist konnteübergangslos zum mordbereiten Neandertaler mutieren, wenn er den Fußball eines Nachbarjungen in seinem Garten entdeckte, wie auch die mildherzigste Witwe, deren Haus die vorweihnachtlichen›Misereor‹-Sammler vermutlich nie ohne ordentliche Spende verließen, sich zur flammenden Thusnelda auswachsen konnte, wenn es darum ging, das Aufstellen von Asylantenbaracken in der Nachbarschaft zu verhindern. Und so manch angesehenes Parteimitglied, dessen staatstragende Rechtschaffenheitüber jeden Zweifel erhaben schien, ließ sich, in sträfli