: Niels Birbaumer, Dieter Frey, Julius Kuhl, Hans-Peter Krüger (Hrsg.)
: Anwendungsfelder der Verkehrspsychologie ( Enzyklopädie der Psychologie : Themenbereich D : Ser. 6 ; Bd. 2)
: Hogrefe Verlag Göttingen
: 9783840915123
: 1
: CHF 143.70
:
: Geisteswissenschaften, Kunst, Musik
: German
: 875
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF

Verkehr ist eines der frühesten und wichtigsten Anwendungsfelder der Psychologie. Der Band informiert umfassendüber die vielfältigen Anwendungen in allen Bereichen der Mobilität. Der Band zeigt, dass die Verkehrspsychologie als genuin interdisziplinäre Wissenschaft zu sehen ist. Entsprechend decken die Beiträge die psychologischen Anwendungen im Ingenieurswesen, in der Medizin sowie in den Rechts- und Sozialwissenschaften ab. Die Beiträge schildern den aktuelle Stand der Forschung und zeigen Perspektiven der künftigen Entwicklung auf.

Themen sind u.a. die vorschulische und schulische Verkehrserziehung, die Fahrausbildung, die Fahreignungsdiagnostik, die verkehrspsychologische Nachschulung und Therapie, rechtliche Aspekte der Verkehrsdelinquenz, der verkehrspsychologische Sachverständige sowie die Eisenbahn-, Luftfahrt- und Schifffahrtpsychologie.  br />
Aus dem Inhalt: 
- Fahren lernen und Fahrausbildung 
- Verhaltensbeeinflussung durch Sicherheitskommunikation und Verkehrsüberwachung 
- Beruflicher Verkehr und Verkehr als Beruf 
- Interventionsansätze zur Erhöhung der Sicherheit im Berufsverkehr 
- Psychologische Diagnostik der Fahreignung 
- Verkehrspsychologische Nachschulung und Verkehrspsychologische Therapie 
- Qualitätssicherung verkehrspsychologischer Diagnostik und Intervention 
- Psychologische Unfallnachsorge 
- Psychotrope Substanzen im Straßenverkehr 
- Rechtliche und kriminologische Aspekte der Verkehrsdelinquenz 
- Verkehrspsychologische Sachverständige in behördlichen und gerichtlichen Verfahren 
- Verkehrsmedizinische Zugänge zum Verkehrsverhalten 
- Psychologische Forschungsfelder im Verkehrssystem Eisenbahn 
- Psychologie der Luftfahrt 
- Forschungs- und Anwendungsgebiete 
- Psychologie der Schifffahrt Standing

9. Kapitel (S. 393-394)
Psychologische Unfallnachsorge
Wilfried Echterhoff

1 Einleitung
Durch Unfälle können daran beteiligte Menschen in psychische Ausnahmesituationen geraten. Sie können an die Grenzen ihres Daseins stoßen und in eindringlicher Weise Vergänglichkeit, Vernichtung, Angst, Einsamkeit und Fragen der Sinnhaftigkeit der Existenz erleben. In Grenzsituationen können sich gemäß der Existenzphilosophie von Jaspers (1973a, 1973b, 1973c, 1973d) Leiden, Kampf, Schuld und Tod offenbaren. Wenn Menschen den damit verbundenen fundamentalen existenziellen Anforderungen nicht gerecht werden können, sind pathologische Folgen möglich. Die Existenzphilosophie von Jaspers sieht diese Störung im Zusammenhang mit einem nicht vollzogenen Austausch mit der Welt und mit einem blockierten Bezug zu sich selbst. Mobilität und Verkehr stellen einen der wenigen Lebensbereiche des Menschen dar, in dem er unvorhergesehen und plötzlich durch hohe Energieeinwirkungen schwere Schäden erleiden kann, die die Existenz bedrohen. Hierdurch können sich unvermittelt Fragen aufdrängen, die Frankl (2002) aus Zwängen und aus elementaren Erfahrungen in Konzentrationslagern in die therapeutischen Ansätze seiner Logotherapie konvertiert. In den letzten Jahren wurden existenzielle Ansätze u. a. durch das Konzept der komplizierten Trauer (Znoj, 2004) wieder aufgegriffen. Durch die massive Einwirkung eines Extremereignisses kann der psychische Zustand eines Menschen so stark geschädigt werden, dass vorübergehende oder dauerhafte psychische Krankheiten entstehen können. Psychische Schädigungen nach Extremereignissen im Bereich Mobilität und Verkehr stellen fachlich keine Sonderform dar. Lediglich die Art und Weise der Entstehung von Extremereignissen und die der Organisationsmöglichkeiten nach Extremereignissen können spezifisch für den Bereich Mobilität und Verkehr sein. Krankheiten (z. B. Herzinfarkt während des Autofahrens) oder durch Fehlinterpretationen (z. B. Todesangst vor dem vermeintlichen Absturz des eigenen Flugzeugs) innerhalb eines Individuums (internal) ausgelöst werden und somit für den Betroffenen ein Extremerlebnis darstellen. Möglicherweise eintretende psychische Beschwerden nach Extremereignissen zeigen sich unter anderem in folgendenÄußerungen oder Zuständen:„Warum gerade ich?“,„Wie konnte das passieren?“,„Warum gerade an dieser Stelle?“,„Ich werde verrückt!“,„Immer diese Bilder!“,„Niemals werde ich damit fertig“,„Ich werde alles verlieren“. Hinzu kommen je nach Art des Unglücks und des kulturellen Hintergrunds Probleme, die z. B. durch die Verletzung der Ehre, des Schamgefühls und durch die Verursachung von Ekel und Schuld entstehen. Besonders schwierig wird die Lage von unfallbeteiligten Menschen, sofern sie eine schwerwiegende körperliche Verletzung erlitten haben und denen schwerwiegende privat- oder strafrechtliche Folgen drohen.

Eine historische Aufarbeitung von psychischen Beeinträchtigungen durch Extremereignisse findet sich bei Saigh (1995a), der u. a.über psychische Störungen (Schlafstörungen, massiveÄngste, sich aufdrängende bildhafte Erinnerungen) nach einem Großbrand in London im Jahr 1666, nach Unfällen und von kriegsbedingten Psychotraumata (sie seien gelegentlich als Schreckneurose bezeichnet worden) berichtet. In seinem historisch angelegten Teil schreibt Saigh (1995a), dass seiner Ansicht nach bereits im letzten Jahrhundert Folgendes deutlich wurde:„Insgesamt gesehen ist unverkennbar, dass traumatisierte Menschen häufig unter weitreichenden und langanhaltenden emotionalen Problemen leiden“ (S. 11 ff.). Mit Beginn der Industrialisierung und der damit verbundenen Einführung von motorgetriebenen Straßenfahrzeugen und Großfahrzeugen verstärkte sich die Unfallproblematik in der Gesellschaft. Vor allem die Verbreitung des Eisenbahnsystems bereitete oft Sorgen (Echterhoff&, Spoerer, 1991, 11 ff.). Die derzeitige Situation beschreiben Maag, Schmitz und Fröschl (in diesem Band). Die erste fachliche Publikationüber psychische Probleme nach einem Verkehrsunfall ist möglicherweise das Buch von Erichsen (1866), derüber Erinnerungsverluste, Schlafprobleme und Albträume von Patienten berichtet. Vor allem die empirischen Forschungsarbeitenüber Opfer in anderen Bereichen (z. B. Kriminalität, Kriege, Naturkatastrophen) und die Initiativen zur Krisenintervention lieferten gute Voraussetzungen für eine breite Umsetzung psychologischer Unfallnachsorge im Bereich Mobilität und Verkehr seit Mitte der 1990er Jahre in die Praxis.

Autorenverzeichnis, Vorwort und Inhaltsverzeichnis6
Fahren lernen und Fahrausbildung30
1 Einleitung: Risiken am Beginn einer Fahrkarriere30
2 Fahren lernen33
2.1 Psychologische Grundlagen des Anfängerrisikos33
2.2 Psychologische Grundlagen des Jugendlichkeitsrisikos38
2.3 Anforderungen an die Fahrausbildung aus instruktionspsychologischer Sicht41
3 Konzepte der Fahrausbildung im internationalen Vergleich45
3.1 Fahrausbildung vor dem Fahrerlaubniserwerb46
3.2 Aufbauschulungen nach dem Fahrerlaubniserwerb52
3.3 Sicherheitswirksamkeit der formalen Fahrausbildung60
3.4 Verlängerte fahrpraktische Vorbereitung63
3.5 Computergestütztes Lernen und Fahrsimulation68
4 Fahrausbildung in Deutschland72
4.1 Regelungsgrundlagen73
4.2 Entwicklungsetappen74
4.3 Fahrpraktische Ausbildung81
4.4 Entwicklung des Fahrlehrerberufs83
4.5 Fahrprüfung84
4.6 Wirksamkeit85
4.7 Ansätze zur Weiterentwicklung87
5 Fazit und Perspektiven der Fahrausbildung94
Literatur96
Verhaltensbeeinf96
Verhaltensbeeinf96
77996
4.2 Rechtliche Regelungen zum Training von Flugzeugführern784
4.3 Empirische Erfolgskontrolle von Trainingskonzepten mit einem Beispiel zum Training Situativer Aufmerksamkeit787
5 Zusammenfassung und Ausblick793
Literatur796
Psychologie der Schifffahrt808
1 Die besondere Arbeits- und Lebenssituation im Schiffsbetrieb808
1.1 Rahmenbedingungen und Arbeitsorganisation808
1.2 Berufsspezifische Belastungsfaktoren811
2 Ergonomie: Mensch - System - Integration821
2.1 Das Schiff als System821
2.2 Mensch-System-Integration823
3 Personalkonzepte und Personalentwicklung825
3.1 Entwicklung von Personalkonzepten825
3.2 Ermittlung von Anforderungsprofilen826
3.3 Personalauswahl827
4 Notfallmanagement828
4.1 Ausbildung für Führungs- und Notfallmanagement828
4.2 Critical Incident Stress Management830
4.3 Crowd- and Crisis-Management830
4.4 Sicherheitstraining zur Abwehr externer Gewalt in der Seeschifffahrt832
5 Schiffssicherheit und menschliches Fehlverhalten833
5.1 Interdisziplinäre Durchführung von Havarieanalysen833
5.2 Berücksichtigung schifffahrtspsychologischer Fachkompetenz bei Seeunfalluntersuchungen834
6 Zusammenfassende Bewertung und Ausblick835
Literatur836
Autoren- und Sachregister842