: Henri Julius, Barbara Gasteiger-Klicpera, Rüdiger Kissgen (Hrsg.)
: Bindung im Kindesalter. Diagnostik und Interventionen
: Hogrefe Verlag Göttingen
: 9783840916137
: 1
: CHF 24.40
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 333
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF

Der Band bietet einen fundierten Einblick in die verschiedenen diagnostischen Verfahren der Bindungstheorie sowie in die Praxis bindungsgeleiteter Interventionen bei verhaltensauffälligen Kindern. Das Buch richtet sich primär an Psychologen und Pädagogen, die mit verhaltensauffälligen Kindern oder mit Risikokindern arbeiten. Es informiert zunächstüber die Grundzüge der Bindungstheorie, geht auf den Zusammenhang zwischen Bindung und familiären Gewalt-, Verlust- und Vernachlässigungserfahru gen ein und erläutert die Konsequenzen unsicherer Bindungsqualität. < r />
Im zweiten Teil bietet der Band einen fundierten Einblick in die prominentesten diagnostischen Verfahren der Bindungstheorie: den Fremde Situationstest, den Attachment Story Completion Test, das Adult Attachment Projective, den Separation Anxiety Test sowie den Bochumer Bindungsfragebogen. Der dritte Schwerpunkt des Buches liegt auf den Interventionen, die sich aus der Bindungstheorie für Risikokinder bzw. für Kinder mit bereits manifesten Verhaltensstörungen ableiten lassen. 

Fokus dieser Interventionen sind zum einen die Eltern der betroffenen Kinder und zum anderen professionelle Bezugspersonen, die mit diesen Kindern und Jugendlichen arbeiten, insbesondere Lehrer, Erzieher und Sozialpädagogen. Da die Mitglieder dieser Berufsgruppen in der Regel sehr viel Zeit mit den Kindern verbringen, ist es nicht verwunderlich, dass ein Großteil der Kinder eine Bindungsbeziehung zu diesen Personen entwickelt.Wie sich diese Beziehungen pädagogisch und therapeutisch nutzen lassen, z.B. in Kindertageseinrichtungen, in der schulischen Erziehungshilfe oder im Heim wird ausführlich erläutert.

5. Diagnostik der Bindungsqualität in der frühen Kindheit− Die Fremden Situation (S. 91-92)

Rüdiger Kißgen

1. Einleitung

Die Fremden Situation ist das zentrale Inventar der Bindungsforschung zur Bestimmung der Bindungsqualität eines Kindes an seine Bezugsperson zum Ende des ersten Lebensjahres. In dieser von Mary Ainsworth und ihrer Arbeitsgruppe (Ainsworth, Blehar, Waters& Wall, 1978, Ainsworth& Wittig, 1969) konzipierten Laborsituation wird das Kind verschiedenen Stressoren ausgesetzt, die durch ihre kumulative Wirkung das Bindungsverhaltenssystem des Kindes aktivieren. Anhand von Videoaufzeichnungen wird nach der Untersuchung die Fähigkeit des Kindes beurteilt, seine anwesende Bezugsperson zur Regulation des aktivierten Bindungsverhaltenssystems zu nutzen. Dieseüber vier Verhaltensskalen vorgenommene Einschätzung bildet die Grundlage für die Klassifikation der Bindungsqualität des Kindes. Gelingt es dem Kind, durch den Kontakt zu seiner Bezugsperson sein Bindungsverhaltenssystem zu regulieren, so spricht man von einer sicheren Bindung. Gelingt dies dem Kind nicht oder bemüht es sich, sein Bindungsverhaltenssystem ohne die anwesende Bezugsperson zu regulieren, so hat sich im ersten Lebensjahr eine nicht sichere Bindung an die begleitende Bezugsperson entwickelt. Das Wissen um die Bindungsqualität von Kindern ist im Hinblick auf deren weitere Entwicklung von Bedeutung. Wie die Längsschnittstudien aus der Bindungsforschung zeigen, kommt eine sichere Bindung einem protektiven Faktor für die psychosoziale Entwicklung gleich. Unsichere Bindungsformen hingegen stellen diesbezüglich ein Handicap dar.

2. Theoretische Fundierung und Entwicklung

Psychoanalyse, Ethologie und Systemtheorie sind die drei Säulen, auf denen der englische Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby (1907-1990) in einer Trilogie (Bowlby, 1969, 1973, 1980, 1982) die Bindungstheorie entwirft. Bei Betrachtung seines Lebensweges (Holmes, 2002) lässt sich mutmaßen, dass Bowlbys herausragendes Interesse für die Themen„Bindung“ und„Trennung“ dadurch ausgelöst wurde, dass er 1914 mit sieben Jahren wegen der drohenden Gefahr eines Luftangriffs auf London in ein Internat geschickt wurde. Bowlby litt unter der Trennung von seiner Familie derart, dass er später einmal gesagt haben soll, er selbst würde nicht einmal einen Hund ins Internat schicken (Dornes, 2000). Bowlby (1969) konzipierte Bindung als eines von mehreren angeborenen Verhaltenssystemen wie beispielsweise der Exploration, der Ernährung, der Reproduktion, der Sexualität und der Pflege. Die einzelnen Systeme haben sich im Verlauf der Evolution herausgebildet, da sie in ihrer Konsequenz substantiell zumÜberleben der Spezies Mensch beigetragen haben. Dem Bindungsverhaltenssystem spricht er die Funktion zu, die Nähe des Kindes zu seiner Bezugsperson in Abhängigkeit vom inneren physiologisch-emotio nalen Zustand und vonäußeren situativen Gegebenheiten zu regulieren. Wie Ainsworth et al. (1978) ausführen, ist speziell die Entwicklung menschlicher Säuglinge einerseits von einer langen Zeit der Hilflosigkeit in Koppelung mit einem relativen Defizit reflexbedingter Handlungsmuster geprägt. Diese lange Periode der Hilflosigkeit und Unreife impliziert eine lange Zeit der Vulnerabilität. Andererseits stellt diese Ausgangslage eine notwendige Bedingung für Flexibilität, Lernen und Anpassung an die Umwelt dar. In dieser Zeit ist der menschliche Säugling wie kein anderes Lebewesen abhängig vom Schutz durch andere. Bowlby (1969) führt aus, dass der Säugling folglich mit einem relativ stabilen Verhaltenssystem ausgestattet sein muss, welches eine ausreichende Nähe zu diesen anderen gewährleistet. Dieses zum Schutz führende Verhaltenssystem, das Bindungsverhaltenssystem, funktioniert in Abhängigkeit von den gegebenen Umweltbedingungen als Regelkreis. Aktiviert wird es durch emotional belastende Auslöser wie beispielsweise Müdigkeit, fremde Personen, neue Situationen, Angst, Krankheit, Trennung, Kummer. Im Zustand der Aktivation lassen sich die dem Bindungsverhaltenssystem Ausdruck gebenden Bindungsverhaltensweisen beobachten. Diese können unterteilt werden in Signalverhaltensweisen (Schreien, Weinen, Lächeln, Vokalisieren, Anblicken) und Annäherungsverhaltensweisen (Nähe herstellen, Nachfolgen, Suchen). Beide Verhaltensgruppen dienen der Herstellung von Nähe zwischen dem Kind und seiner Bindungsperson (räumliches Ziel) und gewährleisten somit Schutz (emotionales Ziel). Bowlby (1969) argumentiert, dass das Bindungsverhaltenssystem analog zu physiologischen Steuerungssystemen, die die Funktion physiologischer Prozesse gewährleisten, die Nähe oder Erreichbarkeit eines jeden Partners einer Bindungsbeziehung innerhalb gewisser Entfernungs- und Verfügbarkeitsgrenzen im Sinne eines dynamischen Gleichgewichts aufrecht erhält. Antithetisch zum Bindungsverhaltenssystem ist das Explorationsverhaltenssystem des Kindes ausgerichtet. Bei dessen Aktivierung ist die kindliche Motivlage von Wohlbefinden und dem Gefühl von Sicherheit bestimmt. Das Kind zeigt sich unternehmungslustig, explorativ, sozial neugierig sowie spiellustig. Es kann seine Umgebung mit diesen Verhaltensweisen allerdings nur dann explorieren, wenn das Bindungsverhaltenssystem deaktiviert ist.

Inhalt und Vorwort der Herausgeber6
1. Bindung und familiäre Gewalt-, Verlust- und Vernachlässigungserfahrungen14
1. Grundzüge der Bindungstheorie14
2. Auswirkungen familiärer Gewalt-Verlust und Vernachlässigungserfahrungen auf die Bindung von Kindern im Schulalter18
3. Resümee25
Literatur26
2. Exkurs: Psychische Folgen familiärer Gewalt und Vernachlässigung28
1. Einleitung28
2. Methodische Probleme in der Erfassung der Häufigkeit und der Effekte von physischer Misshandlung, sexuellem Missbrauch und Vernachlässigung28
3. Zur Häufigkeit von physischer Misshandlung, sexuellem Missbrauch und körperlicher bzw. emotionaler Vernachlässigung29
4. Empirische Ergebnisse zu den Konsequenzen von physischer Misshandlung, sexuellem Missbrauch und Vernachlässigung30
5. Traumatogene Faktoren32
6. Theoretische Konzepte zur Erklärung des Zusammenhangs zwischen familiären Gewalt-, Verlust und Vernachlässigungserfahrungen und Verhaltensstörungen33
Literatur35
3. Konsequenzen unsicherer Bindungsqualität: Verhaltensauffälligkeiten und Schulleistungsprobleme40
1. Einleitung40
2. Bindung und Bindungsqualitäten41
3. Bindungsqualitäten und Psychopathologie45
4. Dissozialität und Lernstörung aus entwicklungspsychopathologischer Perspektive52
5. Präventive und therapeutische Konsequenzen Konsequenzen abschließende Bemerkungen57
Literatur58
4. Kontinuität und Diskontinuität von Bindung66
1. Begriffsklärung66
2. Zur Diskussion von Kontinuität und Diskontinuität in der Bindungsforschung68
3. Einmal unsichere Bindung – immer unsichere Bindung?73
Literatur77
5. Diagnostik der Bindungsqualität in der frühen Kindheit - Die Fremden Situation92
1. Einleitung92
2. Theoretische Fundierung und Entwicklung92
3. Durchführung95
4. Klassifikation der Bindungsqualität97
5. Zusammenfassung und Ausblick102
Literatur104
6. Diagnostik der Bindungsqualität im Kindergarten- und Vorschulalter – Die Attachment Story Completion Task ( ASCT)108
1. Einleitung108
2. Entwicklung der ASCT-Methode111
3. Durchführung111
4. Auswertung114
5. Validität der ASCT-Methode117
Literatur118
7. Diagnostik der Bindungsqualität im Grundschulalter - Der Separation Anxiety Test ( SAT)122
1. Einführung122
2. Beschreibung des SAT122
3. Sprachmuster von Kindern mit organisierten Bindungsstrategien124
4. Sprachmuster von Kindern mit einer desorganisierten Bindungsstrategie128
5. Gütekriterien des SAT136
Literatur137
8. Die Erfassung psychischer Sicherheit und Unsicherheit in der mittleren Kindheit. Unterschiede in der „ Konstruktiven Internalen Kohärenz“ als ein Merkmal sicherer und unsicherer Bindungsqualitäten140
1. Bindung in der mittleren Kindheit140
2. Die Vermittlung bedeutungsvoller Zusammenhänge eigener Erfahrungen142
3. Die Entwicklung innerer Arbeitsmodelle von sich und von anderen145
4. Bindungsverhaltensmuster 6-jähriger Kinder148
5. Der Umgang mit Bindungsgefühlen im Trennungsangst-Test zur sprachlichen Erfassung der Bindungsrepräsentation150
6. Fazit164
Literatur166
Anhang: Anmerkungen zur Erfassung „Konstruktiver Internaler Kohärenz“172
9. Diagnostik der Bindungsqualität bei 8- bis 14-jährigen Kindern - Der Bochumer Bindungstest (BoBiTe)176
1. Konzeptuelle Grundlagen des Verfahrens176
2. Beschreibung des Verfahrens177
3. Durchführung der Testerhebung181
4. Bildung von Kennwerten181
5. Entwicklung des Verfahrens und Ermittlung der psychometrischen Merkmale182
6. Psychometrische