: Dirk Bernemann
: Satt. Sauber. Sicher Für die Liebe ... die ja bekanntermaßen ein Held ist
: UBooks
: 9783866085589
: 1
: CHF 6.20
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: Erzählende Literatur
: German
: 256
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
'Mein Leben tut weh! Wünsche verschwinden auf nimmerwiedersehen. Meine Träume stehen mit kaputten Rücken an Wänden. Und die Liebe ist ein Massengrab.' Roland ist Huberts und Karlas Sohn und genau hier liegt sein Problem. Nur zu gerne würde er seine Abstammung leugnen, sie abwaschen, aber durch jede Pore atmet seine Herkunft. Und was nutzt der schönste Schein, wenn im Inneren alles fault ... Dirk Bernemanns bis dato umfangreichstes Werk ist eine schmerzhafte Abrechnung mit der deutschen Druchschnittsfamilie, mit ihrer Unfähigkeit zur Kommunikation und den Folgen, die für alle Beteiligten daraus erwachsen. Sein erster Roman ist sprachlich ähnlich verdichtet und konzentriert wie seine ersten beiden Werke, doch dieses Mal seziert er seine Protagonisten bei lebendigem Leibe, sieht in sie hinein und durch sie durch. Ein Buch das zur aktuellen Diskussion über Prekariat und Unterschicht, zu Kindererziehung und Krippenplatz, zu Gewaltvideos auf Handys und der Verrohung unserer Gesellschaft nicht passender sein könnte.

Dirk Bernemann, geboren 1975, mittags. Fing mit fünf Jahren an zu schreiben, hörte aber mit 6 Jahren wieder auf. Dann Schuleintritt und Verzweiflung. Wiederaufnahme des Schreibens ca. 1997 in Form von Songtexten für Punkbands, die es nie gab, und Tagebüchern. Ein paar Liebesbriefe später wusste er auch, wie es funktioniert. Weniger als 10 Jahre vergingen und es erschien sein erstes Buch, seitdem einen Fuß in der Tür des Literaturbetriebs, die immer wieder zugeschlagen wird. Arme Tür. Armer Fuß. Trotzdem weitermachen, immer wieder. Was er mag: Obstsalat, Weisswein, Bücherstapel. Was er nicht mag: Tod, offene Bäuche, Poetry Slam.

Geliebte Schwester Hoffnung

Deutsche Großstadt. Der Mond ist aufgegangen und grinst breit ins Land. Küsst hier und da ein Hochhaus der gute, runde, gelbe Mond. Versucht die Stadt zu romantisieren der glückliche, naive Mond.

Aber die vollgefressenen und betrunkenen Großstadtleute schlafen schon oder Romantik geht sie nichts an.

Der Mond macht trotzdem gelbes Licht auf die Dächer. Reflektiert doch nur Sonnenlicht, das derzeit woanders auf der Welt scheint. Zentralafrika zum Beispiel. Da krallt sich grad die Sonne die harte Wüste und trocknet die Augen der weinenden Negermamas, deren Biafrakinder den Fliegen zum Opfer fallen. Die legen Maden in die großen, dunklen Augen rein, einfach weil da Platz ist. Die Köpfe groß, die Bäuche dick, die Ernte im Arsch, die Hilfe falsch, die Ärzte inkompetent oder überfordert und der Bürgerkrieg frisst alles auf.

Lecker Entwicklungsland, denkt der Bürgerkrieg und haut kräftig rein. Beißt sich durch die Wüste, kaut rum auf abgebombten Beinen und zum Nachtisch die Kinder mit den Fliegen in den Augen. Seine Verdauung kotzt der Bürgerkrieg dann über Mitteleuropa aus. In Form von Flüchtlingen mit Booten. Die schwappt an den Strand, die Kotze.

Mitteleuropa hat da keinen Bock drauf, hat ja so viel eigene Verdauung. Europa, das ewig bessere, pseudoprivilegierte Dekadenzarschloch macht deswegen Mauern um sich, um sich vor dem, was der Bürgerkrieg abwirft, zu distanzieren. Da komm mal einer unblutig drüber.

Die Stadt stinkt. Auch nachts. Besonders nachts. Da kann der Mensch alles viel besser wahrnehmen, weil es dunkel und die Nacht dumm und reizlos ist.

Die stinkende Nacht liegt also über der einfältigen Stadt. Sie riecht nach Abgasen, Bratwurstresten, Verdauungsrückständen, immensen Urinausschüttungen, Tankstellennebengerüchen und gezuckerten Ernährungsgegenständen zur Verfettung von Kindergesichtern. Und es riecht nach diesen Resten von Leben, die in irgendwelchen Betten liegen und schlafen und sich des Erwachens sträuben und sehr oft, wenn das Leben den Blick auf das Leben verstellt, nach Suizid und nach Fantasieleben.

Da reiten sie dann auf Einhörnern, die blöden Träumer, und machen die Welt besser, pflanzen Bäume, leben Träume, trocknen Tränen und heilen einander böse Krankheiten und trauen sich sogar an partnerschaftliches Füßemassieren. Solche Gedanken befinden sich in den Köpfen von Leuten, die auf der Flucht vor ihrem Leben sind.

4.30 Uhr. S-Bahn-Haltestelle.

Da sitzt ein Mensch auf einer Bank und kramt in den Taschen seiner Strickjacke. Fummelt ein Päckchen Zigaretten hervor und ein Feuerzeug. Das Feuerzeug flackert und der Atem geht ganz bewusst nach innen. Der Mann auf der Bank raucht. Und denkt.

Es ist Randor Namobi, Asylant, Afrikaner, Mensch, berechnendes Arschloch. Dann zieht er noch einen Gegenstand aus der anderen Tasche der durchgeranzten Secondhand-Strickjacke und starrt abwechselnd in die stinkende Nacht und auf sein Telekommunikation sendgerät.

Handy. Kleines, dummes Handy.

Blinkt, speichert, leuchtet, klingelt, foltert.

Der bestgutintegrierte Ausländer Randor Namobi wählt eine Nummer in sein Handy. Halb auf Englisch, ein Viertel Deutsch und ein Viertel ahnungslos redet er mit einer Andersgläubigen.

Er verabredet sich aus Liebe beziehungsweise aus dem Beweggrund, den er für Liebe und Sicherheit hält, und den