Diagnostik in der Klinischen Kinderpsychologie Die ersten sieben Lebensjahre
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Dieter Irblich, Gerolf Renner
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Diagnostik in der Klinischen Kinderpsychologie Die ersten sieben Lebensjahre
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Hogrefe Verlag Göttingen
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9783840921247
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1
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CHF 39.80
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Angewandte Psychologie
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German
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483
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Wasserzeichen/DRM
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PC/MAC/eReader/Tablet
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PDF
Die psychologische Untersuchung von Kindern in den ersten sieben Lebensjahren stellt besondere Anforderungen an die fachliche Kompetenz des Diagnostikers. Dieses Buch stellt die Grundlagen der klinisch-psychologischen Kinderdiagnostik dar und beschreibt das konkrete diagnostische Vorgehen bei den häufigsten Störungsbildern und Fragestellungen bis zum Einschulungsalter. In den ersten Lebensjahren ist das frühzeitige Erkennen von Entwicklungsrisiken besonders wichtig, da in diesem Lebensabschnitt maßgebliche Weichenstellungen für die persönliche und schulische Entwicklung erfolgen. Die psychologische Diagnostik bei jungen Kindern stellt besondere Anforderungen an die Gestaltung der Untersuchung, die Auswahl der geeigneten Verfahren sowie deren Durchführung und Interpretation. Um aussagekräftige Ergebnisse zu gewinnen, bedarf es eines einfühlsamen Umgangs mit den Kindern und ihren Bezugspersonen und einer Berücksichtigung ihres jeweiligen Lebenskontextes. Dieses Buch stellt in 36 Kapiteln neben den Grundlagen der klinisch-psychologischen Kinderdiagnostik das konkrete diagnostische Vorgehen bei den häufigsten Störungsbildern und Fragestellungen bis zum Einschulungsalter wissenschaftlich fundiert und praxisnah dar. Methodische, juristische, ethische und testtheoretische Grundlagen der Diagnostik werden ebenso behandelt wie die Beziehungsgestaltung mit dem Kind und die Kommunikation mit den Eltern. Das diagnostische Vorgehen bei der Untersuchung zentraler kognitiver Funktionsbereiche (z. B. Intelligenz, Aufmerksamkeit, Sprache) sowie bei Entwicklungs- und Verhaltensstörungen (z. B. Autismus, Aggressivität, Regulationsstörungen) wird ausführlich beschrieben. Schließlich werden spezifische Fragestellungen, u.a. die neuropsychologische Diagnostik und die Diagnostik bei Migrantenkindern, erörtert. Das Buch leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Qualitätssicherung in der Klinischen Kinderpsychologie.
20 Diagnostik bei Aufmerksamkeitsstörungen
(S. 245-246)
Gerolf Renner& Dieter Irblich
Fallbeispiel
Der fünfjährige Jonas hält sich im Kindergarten nicht an Gruppenregeln, kann im Stuhlkreis nicht abwarten, bis er an der Reihe ist, nimmt anderen Kindern Spielzeug ab und ist vornehmlich daran interessiert, mit ihnen zu raufen. Zu Hause werden Verbote nicht eingehalten, bei elterlichen Aufforderungen diskutiert Jonas"bis zum Umfallen",. Gleichzeitig ist er aber hilfsbereit und prosozial. Während der Exploration ist Jonas nicht übermäßig unruhig.
Bei der Intelligenztestung, bei der er ein überdurchschnittliches Resultat erzielt, fällt eine erhebliche Impulsivität auf und er kann nur durch raschen Wechsel der Testaufgaben zum Weitermachen bewegt werden. Jonas reagiert überhastet, handelt nicht vorausschauend und gibt bei auftretenden Schwierigkeiten rasch auf. Im"Fremdbeurteilungsbogen für Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörungen im Vorschulalter", (FBB-ADHS-V, Döpfner, Görtz- Dorten& Lehmkuhl, 2008) finden sich sowohl bei den Angaben der Eltern als auch der Bezugserzieherin auffällige Werte für"Hyperaktivität-Impulsivität",, nicht jedoch für"Aufmerksamkeitsstörung", und für die"Gesamtskala-ADHS",. Die Kriterien für eine Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung im Sinne des ICD-10 sind somit nicht vollständig erfüllt. Die Impulsivität als wesentliche Komponente der Verhaltensproblematik kann jedoch abgebildet werden in der DSM-IV-TR-Diagnose Aufmerksamkeitsdefizitstörung, vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typ.
1 Einleitung
Eine intakte Aufmerksamkeit hat eine besondere Bedeutung für erfolgreiche Lernprozesse und die psychosoziale Entwicklung. Daher sollte zumindest eine orientierende Bewertung der Aufmerksamkeit in keiner kinderpsychologischen Untersuchung fehlen. Die Diagnostik erfolgt aus verschiedenen Perspektiven, die in der klinischen Praxis eher nebeneinander als sich gegenseitig ergänzend in Erscheinung treten.
Aus psychiatrischer Sicht wurden mit den Hyperkinetischen Störungen in der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10, Dilling, Mombour& Schmidt, 2005) bzw. der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM-IV-TR, Saß, Wittchen, Zaudig& Houben, 2003) Störungsbilder definiert, die ein Verhaltensmuster mit den Elementen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität beschreiben.
Aus neuropsychologischer Sicht wird Aufmerksamkeit als ein komplexes, auf der Aktivität von neuronalen Netzwerken basierendes System verstanden, in dem frontale und parietale Areale des Kortex und subkortikale Strukturen zusammenwirken. Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit können daher bei ganz unterschiedlich lokalisierten Hirnschädigungen auftreten.
In verschiedenen Taxonomien (s. z. B. Sturm, 2005) werden die Komponenten selektive Aufmerksamkeit (Fokussierung der Aufmerksamkeit auf relevante Reize), geteilte Aufmerksamkeit (die parallele Beachtung mehrerer relevanter Reize), Daueraufmerksamkeit/Vigilanz (längerfristige Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit), Alertness (Wachheit, kurzfristige Reaktionsbereitschaft auf Reize) und Aufmerksamkeitskontrolle (Flexibilität/Umstellungsfähigkeit und Strategie) unterschieden. Unter Exekutivfunktionen werden Planung, Regulation und Bewertung nicht automatisierter zielgerichteter Handlungen subsumiert (s. Hongwanishkul, Happaney, Lee& Zelazo, 2005). Der Begriff Konzentration wird nicht einheitlich definiert, betont aber meist den Aspekt der willentlichen Anstrengung (Schmidt-Atzert, Krumm& Bühner, 2008)."
Vorwort
6
Inhaltsverzeichnis
10
I Grundlagen der klinischen Diagnostik bei Kindern
14
1 Diagnostik in der klinischen Kinderpsychologie – Einführung in die Thematik
16
2 Wie untersucht man Kinder?
22
3 Kinderpsychologische Diagnostik im interdisziplinären Kontext
34
4 Juristische Aspekte der kinder-psychologischen Diagnostik
41
5 Ethische Aspekte der kinder-psychologischen Diagnostik
51
6 Befundbesprechung mit den Eltern
58
II Methoden der Datenerhebung
72
7 Testpsychologische Diagnostik bei Kindern
74
8 Eltern und Erzieher als Informationsquellen
87
9 Beobachtung und Befragung von Kindern
98
10 Verhaltensanalyse
109
III Kinderpsychologische Diagnostik von Fähigkeiten und Fertigkeiten
122
11 Entwicklungsdiagnostik
124
12 Intelligenzdiagnostik
137
13 Diagnostik der Sprachentwicklung
153
14 Diagnostik motorischer Leistungen
168
15 Diagnostik der visuellen Wahrnehmungsverarbeitung
180
16 Diagnostik von Gedächtnisleistungen
196
17 Früherkennung von Lernstörungen
209
18 Diagnostik sozialer und kommunikativer Kompetenzen
224
19 Kreativitätsdiagnostik
237
IV Kinderpsychologische Diagnostik bei emotionalen und Verhaltensstörungen
244
20 Diagnostik bei Aufmerksamkeitsstörungen
246
21 Diagnostik bei Angststörungen
260
22 Diagnostik bei Schlafstörungen
269
23 Diagnostik bei Traumatisierung
280
24 Diagnostik bei frühkindlichen Regulationsstörungen
291
25 Diagnostik von Bindungsstörungen
302
26 Diagnostik bei aggressivem Verhalten
312
27 Diagnostik tiefgreifender Entwicklungsstörungen
328
28 Diagnostik bei depressiven Störungen, Verlust und Trauer
342
29 Diagnostik bei Ess- und Fütterstörungen
352
30 Diagnostik bei verzögerter Sauberkeitsentwicklung
360
V Spezielle Anwendungen der kinderpsychologischen Diagnostik
368
31 Familien- und Interaktionsdiagnostik
370
32 Neuropsychologische Diagnostik
384
33 Diagnostik bei frühgeborenen Kindern
397
34 Diagnostik bei sinnes- und körperbehinderten Kindern
408
35 Diagnostik bei körperlicher Misshandlung, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch
419
36 Psychologische Diagnostik bei Kindern aus zugewanderten Familien
431
Anhang
442
Kriterien zur Auswahl von Testverfahren in der klinischen Kinderpsychologie
444
Verbale Beschreibung von Testwerten
450
Verzeichnis von Testrezensionen
454
Die Autorinnen und Autoren des Bandes
463
Sach- und Testregister
468